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Süddeutsche Zeitung
THEMEN DES TAGES
Themenkasten
Donnerstag, 16. Oktober 2014
Bayern, Deutschland, München Seite 2
Erst Karriere, dann Kinder Wieder eine aufregende Neuerung aus dem Silicon Valley, die das Leben von Grund auf verändern könnte.
Apple und Facebook zahlen ihren Mitarbeiterinnen viel Geld, wenn sie Schwangerschaften aufschieben, um im Beruf voranzukommen.
Fördern sie damit wirklich die Interessen der Frauen? Oder ist es vielmehr ein monströser Übergriff aufs Privatleben ihrer Angestellten?
Im Tal der auf Eis
gelegten Gefühle
Forever
young
Wer früh Eizellen einfriert, kann
später leichter schwanger werden
Apple und Facebook wollen sich in die Lebensplanung
ihrer Mitarbeiterinnen einmischen. Die Folgen sind riskant
von alexandra borchardt
D
en großen Tech-Firmen im Silicon
Valley ist die Sache ein bisschen
peinlich. Ausgerechnet Unternehmen wie Google, Apple oder Facebook, die
für sich in Anspruch nehmen, mit ihren
digitalen Erfindungen die Zukunft der
Menschen zu verbessern, stellten beim kritischen Blick auf ihre Belegschaften fest,
dass diese Zukunft überwiegend von weißen jungen Männern gestaltet wird. Ziemlich uncool für eine Branche, die sich gerne
cool gibt. Und so dürfte die neueste Nachricht aus dem Erfinder-Tal auch eine Folge
unvorteilhafter Diversity-Berichte sein:
Facebook und demnächst auch Apple finanzieren jungen Mitarbeiterinnen das
Einfrieren von Eizellen, damit sie ihren
Kinderwunsch zugunsten der Karriere vertagen können – wenn sie das denn so möchten.
Der Fachbegriff für das Verfahren lautet
Social Freezing, also ein vorsorgliches Konservieren von Eizellen, das nicht medizinisch zum Beispiel mit einer bevorstehenden Krebstherapie begründet ist, sondern
alleine auf Wunsch der Frau vorgenommen wird. Aber was bedeutet das?
Es sei eine revolutionäre Möglichkeit
für Frauen, ihre Lebensplanung besser in
den Griff zu bekommen, sagen die einen.
Eine Lifestyle-Maßnahme, die Frauen nur
noch weiter unter Druck setzt, alles erreichen zu müssen, so bewerten es andere.
Auf jeden Fall hat Social Freezing das Potenzial, die Familienplanung so zu verändern,
wie es die Antibabypille in den Sechzigerjahren getan hat.
Die Befürworter glauben das fest. „Die
Aufklärung darüber gehört in den Sexualkundeunterricht in der Schule wie die Aufklärung über die Pille“, sagt zum Beispiel
Jörg Puchta, Chefarzt und Partner am Kinderwunschzentrum an der Oper in München, das die Methode seit 2008 anbietet
und aktiv propagiert. Junge Eizellen seien
ein kostbares Gut, sagt Puchta. In den zwei
Jahrzehnten seiner medizinischen Laufbahn habe er so viele verzweifelte ältere
Frauen mit Kinderwunsch erlebt, denen
man mit eingefrorenen Eizellen hätte helfen können. Wegen der Pille seien die Frauen immer später schwanger geworden mit
der Folge, dass es bei vielen plötzlich gar
nicht mehr funktionierte. Das Einfrieren
der Eizellen könne dem entgegenwirken.
Jede medizinische
Behandlung ist ein
Eingriff in die Natur
Das ist der medizinische Blick auf die Sache. Stärker diskutiert wird der ethische.
Da gibt es natürlich die Debatte darüber,
wie sehr man „der Natur ins Handwerk pfuschen darf“, wie es oft heißt. Gerade wenn
es um Leben und Tod geht, also bei den
Themen Kinderwunsch und Sterbehilfe,
wird diese Debatte hitzig geführt. Eine eindeutige Antwort darauf wird sich nie finden lassen, denn genau genommen ist jede
medizinische Behandlung – von der Antibiotika-Einnahme bis hin zur lebensrettenden Operation – ein Eingriff in die Natur.
Das muss also jeder mit seinem Gewissen
abmachen.
Ebenso trefflich streiten lässt sich über
die Frage, bis zu welchem Alter Elternschaft noch vertretbar ist. Kinder brauchen junge Eltern, sagen die einen. Ältere
Eltern sind souveräner, die anderen. Und
wer erklärt den Frauen allen Ernstes, dass
Endlich könnte der Zeitdruck nachlassen.
Das denken derzeit manche Frauen um die
dreißig. Sie hoffen, sich nicht mehr so beeilen zu müssen mit dem Kinderkriegen,
und legen dafür ihre Eizellen auf Eis. Männer können auch in biblischem Alter noch
Vater werden, doch bei Frauen geht die
Fruchtbarkeit schon früh zurück. „Ab Mitte dreißig sinkt sie rapide“, sagt Matthias
Beckmann, Direktor der Universitätsfrauenklinik in Erlangen. Das liegt vor allem
daran, dass die Qualität der Eizellen mit
dem Alter abnimmt. Mit jungen Eizellen
aber können ältere Frauen genauso leicht
schwanger werden wie junge Frauen. Das
zeigen Daten aus Ländern, in denen Eizellspenden erlaubt sind.
Die eigenen Eizellen bei minus 196 Grad
Celsius für später aufzuheben, erscheint
da als verführerische Option. „Bei diesen
Temperaturen finden praktisch keine Alterungsprozesse mehr statt“, sagt Christian
Thaler, der Leiter des Kinderwunschzentrums am Münchner Universitätsklinikum Großhadern. Die Zellen bleiben jung
und befruchtungsfähig. Noch dazu wurde
in den vergangenen Jahren die Technik verbessert. Das Einfrieren und Auftauen ist
schonender geworden. „Egg Freezing“
heißt die Prozedur unter Fachleuten. Und
in deren Augen ist das Verfahren jetzt reif
für die Praxis – trotz einzelner medizinischer Risiken. Um die Eizellen zu ernten,
müssen sich Frauen einer Hormonstimulation unterziehen. „Die Nebenwirkungen
sind nicht null, aber gering“, sagt Beckmann. Für die Kinder scheint das Verfahren sicher zu sein: Rund 1500 Babys sind
bereits weltweit nach Egg Freezing geboren worden, an ihnen ist nichts auffällig.
Männer bis ins hohe Alter hinein Kinder
zeugen dürfen, während sie selbst sich
vom 40. Lebensjahr an mit der Empfängnis bitte zurückhalten sollten?
Schwierig wird es aber, wenn solche Lebensentscheidungen von ökonomischen
Interessen beeinflusst sind. Wenn sich
zum Beispiel Firmen wie Facebook oder
Apple auf diese Weise mit sanftem Druck
in die Lebens- und Familienplanung ihrer
Mitarbeiter einmischen.
Die Unternehmen würden dies bestreiten. Facebook zum Beispiel, wo Sheryl
Sandberg („Lean In“) als Vorkämpferin für
Frauenkarrieren im Spitzenmanagement
sitzt, bietet seinen Mitarbeitern ein ganzes
Paket an familienfördernden Vergünstigungen, die Option fürs Social Freezing ist
ein kleiner Teil davon. Kinder, nein danke?
Im Gegenteil, würde man von dort hören.
Aber es könnte leicht sein, dass sich
Frauen künftig noch stärker für eine
Schwangerschaft werden rechtfertigen
müssen – vor Chefin oder Chef und möglicherweise sogar vor ihrem Partner, der das
Thema vielleicht ganz gerne auf später vertagen möchte. Es könnte Firmen davon abhalten, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie über Arbeitszeitmodelle und andere
Unterstützung zu fördern. Schließlich ist
diejenige dann selbst schuld, die in einer
Phase schwanger wird, die das Unternehmen für karrierekritisch hält.
Der Arbeitgeber bekommt
Einblick in einen sehr
intimen Lebensbereich
In Amerika, dem Land mit dem teuersten Gesundheitssystem der Welt, ist der
ökonomische Hebel nicht unerheblich. Bis
zu 20 000 Dollar an Kosten erstatten Apple
und Facebook ihren Mitarbeiterinnen für
die Eizellen-Entnahme und -Aufbewahrung, und das dürfte noch nicht einmal kostendeckend sein. Das ist eine Summe, auf
die vermutlich kaum eine Frau, die diesen
Eingriff plant, verzichten wird.
Der Preis dafür ist, dass der Arbeitgeber
damit Einblick in einen sehr intimen Lebensbereich bekommt. Abhängig von der
Qualität des firmeneigenen Datenschutzes
weiß er dann genau, wessen Kinderwunsch auf Eis liegt, bei welcher Mitarbeiterin er damit rechnen darf, dass die Karriere Nummer eins auf der Prioritätenliste ist,
und bei welcher die Verpflichtung gegenüber Chef und Firma womöglich geringer
ausfällt. Es wäre erstaunlich, wenn das bei
Beförderungsgesprächen nicht aufkäme.
Firmen in Deutschland können sich aus
dem Thema leichter heraushalten, denn
Social Freezing ist hier viel günstiger zu
haben als auf der anderen Seite des Atlantiks – wenngleich die Krankenkassen
nichts übernehmen. In Puchtas Kinderwunschzentrum zum Beispiel kostet die Behandlung einmalig 2000 Euro, die Lagerung der tiefgekühlten Zellen 20 Euro pro
Monat. Zu günstig, um von Zwei-KlassenMedizin zu sprechen, findet Puchta. „Natürlich kommen zu uns immer noch überwiegend wohlhabende Frauen. Aber es kommen eben auch Verkäuferinnen und Krankenschwestern. Die sagen, dann fahre ich
eben einmal weniger in den Urlaub“, sagt
der Chefarzt. Der Vorteil des Selbstzahlens
ist: Der Arbeitgeber weiß davon nichts.
Viele Amerikanerinnen scheint der offene Umgang mit ihrer Fruchtbarkeit nicht
zu stören. „Mit diesem Angebot investieren die Firmen in Frauen“, sagt zum Beispiel Brigitte Adams, die das Internet-Fo-
Kinder, nein danke? Im Gegenteil. Aber lieber später – so wünscht man sich das im Silicon Valley.
rum Eggsurance.com gegründet hat, auf
dem sich Frauen über das Thema austauschen und informieren können. Eggsurance – darin steckt das Wort Insurance, also
Versicherung. Und genauso möchten es Befürworter betrachtet wissen: als etwas, das
man nur im Notfall beansprucht, wenn alles andere nicht funktioniert. Eine Art
Schutzbrief für einen Abschleppdienst,
den man ja auch nur braucht, wenn das Auto liegen bleibt. Es sei ein Mittel, den Wettbewerbsnachteil zwischen Männern und
Frauen auszugleichen, meinen viele.
Was aber, wenn der Wettbewerbsnachteil ganz woanders liegt? Und dafür spricht
einiges. Denn in den großen Silicon Valley
Firmen zum Beispiel tauchen Schwarze
und asiatischstämmige Mitarbeiter zum
Teil sogar noch seltener auf den Personallisten auf als Frauen. Etliche Studien zeigen, dass das Problem fehlender Vielfalt
viel mehr mit Monokulturen und Stereotypen in der Beförderungspolitik zu tun hat
als mit Familienverpflichtungen von Mitarbeitern, die ja Männer und Frauen gleichermaßen tangieren sollten.
Ein weiteres Problem der amerikanischen Tech-Branche ist der Jugendkult,
und der wird über Programme wie die Unterstützung von Egg Freezing noch zemen-
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FOTO: THOMAS LOHNES/DPA
tiert. Denn die Botschaft ist klar: Karriere
geht nur, wenn du jung bist – Kinder bekommen kannst du auch noch später.
Viele Erfinder und Ingenieure dort
kämpfen mit der Anforderung, gewissermaßen lebenslang Kapuzenpulli tragen zu
müssen, auch wenn die Haare längst ergraut sind. „Kann man mit über 30 noch
ein Unternehmen gründen?“ Solche Fragen werden in Internetforen im Valley diskutiert. Das Anforderungsprofil der Zukunfts-Macher ist klar: jung, getrieben,
kinderlos. Dem Profil der Gesellschaft entspricht das nicht. Dabei sollen ihr doch all
die Erfindungen zugute kommen.
Trotzdem könnten die Frauen, die ihre
Eizellen einfrieren lassen, am Ende ohne
Kinder dastehen. Denn oft entscheiden sie
sich erst mit Mitte 30 fürs Einfrieren –
dann hat die Qualität ihrer Eizellen indes
bereits erheblich nachgelassen. „Aus biologischer Sicht wäre es am sinnvollsten, in
möglichst jungen Jahren Eizellen einzufrieren“, sagt Thaler, „aber eine 25-Jährige benötigt die eingefrorenen Zellen mit großer
Wahrscheinlichkeit nie.“ Die Chance, dass
sie auf natürlichem Wege schwanger werde, sei deutlich höher als bei einer Enddreißigerin.
Fraglich ist aber auch, ob der Eizellvorrat überhaupt reichen wird. „Eine Frau sollte in etwa so viele Eizellen zurücklegen,
wie sie alt ist“, empfiehlt der Reproduktionsmediziner. Da sich jedoch bei einer älteren Frau weniger Eizellen pro Zyklus gewinnen lassen – oft nur fünf oder sechs –,
müsste sie sich mehreren Hormonbehandlungen unterziehen, um eine realistische
Chance auf ein Kind zu haben. Die Werbung kommerzieller Zentren, mit einem
Eingriff sei Sicherheit zu gewinnen, mag
für eine 20-Jährige realistisch sein. Für
eine Frau Ende 30 ist sie das nicht mehr.
Die neue Methode wirft weitere Fragen
auf: Bis zu welchem Alter kann und soll die
Frau auf ihre Eizellen zurückgreifen? Ganz
abgesehen davon, inwieweit sie überhaupt
in der Gesellschaft akzeptiert würden,
stünden Mütter im Oma-Alter vor medizinischen Problemen: Schwierige Schwangerschaften drohen, Fehlgeburten und untergewichtige Babys. Viele Fortpflanzungskliniken haben sich deshalb entschieden,
Frauen jenseits der 45 oder 50 Jahre nicht
mehr mit ihren aufgetauten Eizellen zu
schwängern.
christina berndt
A58300532
aborchardt
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