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ПРАЙС ЛИСТ НА 27.03.2015 г . +7 (495) 502-79;pdf

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MENSCHEN
14 |
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WINTERTOURISMUS
Alles fährt Ski
Vor 150 Jahren nahm der Schweizer Wintertourismus
im Engadin seinen Anfang. Kleinere und grössere
Berühmtheiten haben seither ihre Winterferien in
der Schweiz verbracht. Ein Rückblick.
Neue Bahnen braucht das Land: 1950
nimmt in Crans-Montana die erste
Gondelbahn der Schweiz den Betrieb auf.
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NR. 46, 10. NOVEMBER 2014 | MIGROS-MAGAZIN |
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MENSCHEN
MIGROS-MAGAZIN | NR. 46, 10. NOVEMBER 2014
WINTERTOURISMUS | 15
E
s war der legendäre St. Moritzer
Hotelier Johannes Badrutt vom
«Kulm», der mit einer Wette die
ersten Wintergäste in die Alpen lockte.
Er versprach ein paar Engländern: «Im
Winter werdet ihr hemdsärmelig bei
Sonnenschein auf der Terrasse sitzen.
Falls ich unrecht habe, übernehme ich
zusätzlich die Reisekosten von London
nach St. Moritz.» Badrutt hatte recht.
Mit der Saison 1864/65 wurden Winterferien in den Schweizer Alpen, die damals im Ausland als dunkel, nebelreich
und bedrohlich galten, salonfähig.
1884 wurde in St. Moritz die erste
Bobbahn der Welt eröffnet, 1934 der erste Bügellift am Bolgen in Davos. Sogar für
Lungenkranke wurden die Schweizer
Berge attraktiv: 1865 weilten die ersten
Patienten in Davos. Die Nachricht von
deren Genesung verbreitete sich wie ein
Lauffeuer in Europa.
1924: Zwei
modisch gekleidete
Skifahrerinnen ge­
niessen die Engadiner
Sonne auf der
St. Moritzer Via Serlas.
Am Anfang waren die Briten, dann
folgten Prominente aus aller Welt
Der Wintertourismus entwickelte sich
zwischen 1950 und 1970 zum grossen
und lukrativen Geschäft; die Hotelübernachtungen nahmen in dieser Zeit von 15
auf rund 35 Millionen pro Jahr zu. Vor allem ausländische Gäste haben zu diesem
Aufschwung beigetragen. Die Briten
machten den Anfang. Prominente aus
aller Welt zog es von da an ebenfalls in
die Schweizer Berge, darunter Schriftsteller Thomas Mann, Filmstar Charlie
Chaplin, Schauspielerin Romy Schneider oder John Lennon von den Beatles. Er
hatte mit dem Schnee jedoch seine liebe
Mühe, wie im Jubiläumsbuch «Schnee,
Sonne und Stars» von Autor Michael
Lütscher zu sehen ist. Der Zürcher hat
auf über 250 Seiten mit vielen Bildern die
erste gebündelte Dokumentation über
den Wintertourismus in der Schweiz zusammengestellt.
150 Jahre nach Johannes Badrutts
Geniestreich feiert Schweiz Tourismus
(ST) das Jubiläum mit zahlreichen
Anlässen. Am 6. Dezember um 18 Uhr
findet in St. Moritz eine Jubiläumsfeier
mit dem Sänger Xavier Naidoo und dem
Lichtkünstler Gerry Hofstetter statt.
ST-Direktor Jürg Schmid: «Der Schweizer Winter ist seit 150 Jahren das Original. Unsere Gäste wollen heute aber
nicht nur Ski fahren, sondern auch auf
Winterwanderwegen spazieren, wellnessen und die Gastronomie geniessen.»
Texte: Reto E. Wild
«Schnee, Sonne und Stars – wie der Wintertourismus von St. Moritz aus die Alpen erobert hat»,
Michael Lütscher, NZZ-Libro, Fr. 72.– bei Ex Libris.
Lässig posiert diese junge Frau
mit einem Skibob in der Nähe des
Unterwalliser Dörfchens Morgins,
das heute zum grenzübergreifenden
Mega-Skigebiet Portes du Soleil
gehört. Das Datum der Aufnahme
ist unbekannt. Das Bild dürfte jedoch
rund 100 Jahre alt sein.
Als der Winter noch Winter war: Ein Wagen fährt
im Zentrum von St. Moritz über tief verschneite
Strassen. Das Hotel am rechten Bildrand gibt es nicht
mehr. Im Parterre sind heute ein Restaurant und eine
Bar, darüber Wohnungen. In St. Moritz («Top of the
World») stehen heute 37 Hotels zur Auswahl.
Der französische Schauspieler Jean-Paul Belmondo und der Industriellenerbe Gunter Sachs (rechts) nahmen 1975 am Corviglia-Skiclubrennen teil.
Der deutsche Sänger Ivan Rebroff lässt sich vor dem Badrutt’s Palace Hotel
in St. Moritz fotografieren.
Literaten unter sich: Thomas Mann (links) und Hermann Hesse 1931
gemeinsam unterwegs auf einer Piste in St. Moritz.
Let it be: Beatle John Lennon hat seine liebe Mühe mit dem Skifahren.
Trotzdem hat er sich in den Schnee von St. Moritz gewagt.
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MIGROS-MAGAZIN | NR. 46, 10. NOVEMBER 2014 |
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WINTERTOURISMUS
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Der britische Filmregisseur und -produzent
Sir Alfred Hitchcock benützt 1960 die Seilbahn
zur über 3000 Meter hoch gelegenen
Bergstation des Piz Nair oberhalb von
St. Moritz und testet mit einem Bein die
Zugluft in windiger Höhe.
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WINTERTOURISMUS
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1953 kommt die erste Kabinenbahn in
Wangs-Pizol zum Einsatz, die bis zur
Bergstation Furt auf über 1500 Meter über
Meer führt. 1974 wird die Bahn ersetzt.
Winteridylle: Die iranische Kaiserfamilie mit dem Monarchen Reza Schah
Pahlavi und seiner Frau Farah Diba hält sich 1975 im St. Moritzer Winter mit
Skijacken und einer Felldecke warm. Kaum vier Jahre später überschlagen
sich die Ereignisse, der Schah wird im Iran gestürzt.
Ein Schwatz mit Charlie Chaplin (links) in St. Moritz. Der Star
verbrachte seine Winterferien gerne in den Schweizer Bergen.
Bilder: RDB, Ullstein Bild, swiss-image.ch (2), Desmond O’Neill, IML, Hauri Lydia, Horst Ebersberg, Topfoto, Rutz AG Optik Photo, Keystone(3), Zermatt Tourismus, Dokumentationsbibliothek St. Moritz
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WINTERTOURISMUS
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Massenauflauf
auf der Bahnhofstrasse in Zermatt: Eintreffende Feriengäste
befinden sich auf
dem Weg zu ihren
Unterkünften
(Datum unbekannt). Der
«Schweizerhof»
steht auch heute
noch in Zermatt.
Vor ein paar
Tagen bewertete
das Onlineportal
www.skigebiete-test.de das
verkehrsfreie
Dorf als bestes
Skigebiet der
Welt.
Der erste Bügel­
skilift der Welt:
Der Bolgenlift in
Davos zieht im
Winter 1934/1935
die ersten
Skifahrer hoch.
Der Lift ist heute
noch in Betrieb.
Charles Kuhn
gestaltete dieses
Plakat von 1928.
MENSCHEN
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ABSTIMMUNG
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«Die Ecopop-Initiative ist
ökologisch wirkungslos»
Die Ecopop-Initiative will die Zersiedelung der Schweiz stoppen. Der WWF Schweiz
teilt die Sorge der Initianten. Doch weit entscheidender als die Zuwanderung sind
Raumplanung und Ressourcenverbrauch, betont WWF-Chef Thomas Vellacott.
Bilder: Ex-Press, Keystone
Laut Studien trägt das Bevölkerungswachstum rund 20 Prozent zur Zersiedelung der Schweiz bei, zu 70 Prozent sind die
gestiegenen Platzansprüche daran schuld, sagt Thomas Vellacott, Chef des WWF Schweiz.
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MENSCHEN
MIGROS-MAGAZIN | NR. 46, 10. NOVEMBER 2014 |
Thomas Vellacott, der WWF ist gegen die
Ecopop-Initiative. Wieso?
Die Initiative argumentiert vordergrün­
dig stark ökologisch, ist aber eine Ein­
wanderungsvorlage, die mit einem grü­
nen Deckmäntelchen versehen ist. Das
stört mich. Der WWF engagiert sich für
Klimaschutz, für effiziente Ressourcen­
nutzung und vernünftige Raumplanung.
Das ist echter Umweltschutz. Aber ein­
fach die Grenzen für Einwanderer zu
schliessen, nützt der Umwelt nichts.
Die Initiative will die jährliche Nettozuwanderung in die Schweiz auf gut 16 000 Personen
beschränken, um auch die Landschaft zu
schützen. Das müsste eine Umweltorganisation doch befürworten.
Die Sorge der Initianten über den zu
hohen Ressourcenverbrauch und die
Zersiedelung der Landschaft teilen wir.
Doch die Initiative löst die Probleme
nicht – sie ist ökologisch wirkungslos.
Ob Sie in der Schweiz oder in Ländern
wie Deutschland oder Portugal, wo
viele der Einwanderer herkommen, zu
viele Ressourcen verbrauchen, ist für die
Umwelt wenig relevant.
Tatsache ist aber, dass die Bevölkerung der
Schweiz jährlich um die Anzahl Einwohner der
Stadt Winterthur wächst.
Laut wissenschaftlichen Studien trägt
das Bevölkerungswachstum rund 20
Prozent zur Zersiedelung bei, die stei­
genden Platzansprüche der Bevölkerung
70 Prozent. 1980 lebte ein Einwohner im
Schnitt auf 34 Quadratmetern. Heute
sind es über 50. Wenn die Initianten vor­
geben, man könne mit einer beschränk­
ten Zuwanderung das Problem der Zer­
siedelung lösen, streuen sie den Leuten
Sand in die Augen. Wenn alle so leben
würden wie die Schweizer Bevölkerung,
bräuchte man drei Planeten. Bei diesem
viel zu hohen Ressourcenverbrauch pro
Kopf müssen wir den Hebel ansetzen –
dazu aber schweigt die Initiative.
Was heisst denn das genau, es bräuchte drei
Planeten?
Wir brauchen mehr, als die Erde regene­
rieren kann. Wirtschaftlich gesprochen
leben wir nicht von den Zinsen, sondern
vom Kapital. Die Widerstandsfähigkeit
von Ökosystemen leidet.
Ganz offensichtlich wollen aber die Schweizer
auf grösserem Fuss leben. Wollen Sie die
Wohnfläche pro Person vorschreiben lassen?
Nein. Aber ein wichtiger Teil der Zer­
siedelung ist durch schlechte Planung
verursacht. Ich lebe in Zürich­Altstet­
ten, wo sehr viel gebaut und stark
Was die
Initiative
will
Am 30. November
befindet das Schweizer Stimmvolk über
die Ecopop-Initiative.
Das Volksbegehren
der parteiunabhängigen Organisation
Ecopop (Association
Ecologie et Population) will in der Verfassung verankern,
dass die jährliche
Nettozuwanderung in
die Schweiz auf
0,2 Prozent der ständigen Wohnbevölkerung beschränkt wird.
Das sind 16 000 Personen pro Jahr oder
gut fünfmal weniger
als in den letzten
Jahren. Die zweite
Forderung: Der Bund
soll mindestens 10
Prozent der Entwicklungshilfegelder für
freiwillige Familienplanung einsetzen.
Ecopop distanziert
sich von fremdenfeindlichen und rassistischen Ansichten.
verdichtet wird. Trotzdem ist es ein
Quartier mit hoher Lebensqualität. Ich
glaube nicht, dass wir zu unserem Glück
möglichst viel Wohnfläche brauchen.
Sonst würden nicht immer mehr Leute
in die Städte ziehen.
Wie viele Einwohner verträgt die Schweiz
Ihrer Meinung nach?
Die Frage lässt sich nicht pauschal
beantworten, denn das hängt ganz ent­
scheidend davon ab, ob wir pro Einwoh­
ner 30, 50 oder noch mehr Quadratmeter
Wohnfläche beanspruchen. In Gross­
britannien, wo ich einen Teil meiner
Wurzeln habe, ist die Bevölkerungsdich­
te 40 Prozent höher als in der Schweiz.
Und trotzdem gibt es auch dort schöne
Landschaften und Städte mit hoher
Lebensqualität. Schuld an unserer Zer­
siedelung ist schlechte Raumplanung.
Und wie will der WWF den Ressourcenverbrauch reduzieren?
Mit Effizienz! Ein Drittel aller gekauften
Lebensmittel wird fortgeworfen. Unser
Stromverbrauch für Licht liesse sich mit
LED­Lampen um zwei Drittel senken.
Rund 50 Prozent der Fische im Netz sind
Beifang, den niemand will. Wir können
den Ressourcenverbrauch stark reduzie­
ren – und das bei gleichbleibender Le­
bensqualität.
Diese Beispiele sind weit davon entfernt, den
Ressourcenverbrauch der Schweiz von derzeit drei auf einen Planeten zu senken.
Ja, aber es sind Schritte auf dem Weg
dorthin. Wenn wir zusätzlich von fossi­
len auf erneuerbare Energien umsteigen,
erreichen wir eine massive Reduktion
unseres ökologischen Fussabdrucks.
Was kann der Einzelne machen?
Die drei grössten Hebel sind Wohnen,
Essen und Transport. Wohnen heisst
beispielsweise: mit erneuerbaren Ener­
gien statt mit Öl heizen, die Häuser gut
isolieren und Ökostrom konsumieren.
Beim Essen sollten wir uns fragen, ob wir
wirklich jeden Tag Fleisch essen müssen.
Beim Transport sorgen Flüge für einen
wesentlichen Teil des Ressourcenver­
brauchs. Ist Weihnachtsshopping in
New York wirklich notwendig für mein
Glück?
Was haben Sie persönlich zur Reduktion des
Ressourcenverbrauchs beigetragen?
Wir haben die Ölheizung in unserem
Reiheneinfamilienhaus durch eine Holz­
pellet­/Solarheizung ersetzt und die
Isolation verbessert. Ich ernähre mich
vegetarisch und achte auf Regionalität,
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ABSTIMMUNG
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Saisonalität und biologische Lebens­
mittel. Meine Familie hat kein Auto und
fährt Velo und ÖV.
Die Ecopop-Initiative will zusätzlich 10 Prozent der staatlichen Hilfsgelder für Aufklärung und Zugang zu Verhütungsmitteln in den
Entwicklungsländern einsetzen. Immerhin
spricht ein Uno-Weltbevölkerungsbericht von
jährlich 80 Millionen ungewollten Schwangerschaften in der Dritten Welt.
Das ist ein sehr einseitiger und überhol­
ter Ansatz der Entwicklungszusammen­
arbeit. Heute wissen wir, dass nur eine
Reihe von Massnahmen dazu beiträgt,
die Geburtenzahl zu reduzieren. Man
muss in die Bildung investieren, den
Zugang zum Gesundheitssystem ermög­
lichen und für eine nachhaltige wirt­
schaftliche Entwicklung sorgen. Zu all
dem aber schweigt die Ecopop­Initiati­
ve. Eine Symptombekämpfung mit star­
ren Quoten ist keine zeitgemässe Form
der Entwicklungszusammenarbeit.
Nur muss man etwas gegen die rasant wachsende Weltbevölkerung und den damit
verbundenen Ressourcenverbrauch unternehmen. Laut dem neusten «Living Planet
Report» des WWF hat sich bei den Wirbeltieren der Bestand in den vergangenen
40 Jahren just deswegen halbiert.
Hauptverursacher des Rückgangs der
Wirbeltiere sind die Übernutzung der
Bestände und die Zerstörung ihrer
Lebensräume. In Südamerika beispiels­
weise sind die Wildtierbestände drama­
tisch eingebrochen, obwohl das Bevöl­
kerungswachstum stark rückläufig ist.
Grosse Naturflächen fielen dort dem
Ausbau der Landwirtschaft zum Opfer,
die dann Soja oder Rindfleisch für aus­
ländische Abnehmer produziert. Die
wachsende Weltbevölkerung dafür ver­
antwortlich zu machen, dass wir immer
weniger Arten haben, greift viel zu kurz.
Der Ressourcenverbrauch ist also schädlicher
für die Umwelt als das Bevölkerungswachstum?
Ja, der Ressourcenverbrauch pro Person
ist der Haupttreiber für die Umwelt­
probleme. Wir sollten deshalb nicht Ein­
wanderer für die Probleme verantwort­
lich machen, sondern selber anfangen,
umweltgerechter zu leben.
Interview: Reto E. Wild
Die Migros ist strategische Partnerin des WWF
und unterstützt als Hauptsponsorin auch das
WWF-Kinder- und Jugendprogramm.
www.wwf.ch/footprint
www.wwf.ch/umwelttipps
MENSCHEN
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PORTRÄT
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NR. 46, 10. NOVEMBER 2014 | MIGROS-MAGAZIN |
1. Dreharbeiten für
«10vor10»: Barba­
ra Lüthi porträtiert
einen Fotografen,
der die Entstehung
der Skyline von
Schanghai doku­
mentiert.
2. Reportage über
Platzmangel: Die
Journalistin bei
einer Familie in
Hongkong, die
auf vier Quadrat­
metern haust.
2
1
3. Lüthi mit Ehe­
mann Tomas Etzler
in einer Drehpause
in Shenzhen. Im
Babybauch Sohn
Dylan (heute 2).
4. Insgesamt einen
Monat pro Jahr
verbrachte Lüthi in
Peking im Stau.
Einzige Lösung:
Vehikel in der Art
eines Kasten­
mofas. Die können
sich durch den Ver­
kehr schlängeln.
5. Sicherheitsbe­
amte stoppen die
Korrespondentin
bei Dreharbeiten
vor einer Elektro­
nikfabrik in Guang­
dong.
Bilder: zVg, Go Takayama/AFP
6. Lüthi trifft in
Hongkong im Ok­
tober 2014 wäh­
rend der Regen­
schirm­Revolution
Studenten.
5
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MENSCHEN
MIGROS-MAGAZIN | NR. 46, 10. NOVEMBER 2014 |
3
Über sieben Jahre lang war Barbara Lüthi am Schweizer Fernsehen
das Gesicht aus China. Künftig berichtet sie über Südostasien und
tritt beruflich etwas kürzer.
ermutlich ist Barbara Lüthi (41)
einfach im falschen Land zur Welt
gekommen. Seit sie vor 18 Jahren
in Hongkong arbeitete und erstmals
einen Fuss in das Land setzte, ist ihre
Faszination für China ungebrochen.
«China verändert sich ständig», sagt
die Zürcherin begeistert, «das
wirtschaftliche Wachstum und der
politische Wandel sorgen für eine wahnsinnige Dynamik. Ich will das unbedingt
miterleben.»
Nach siebeneinhalb Jahren als Korrespondentin des Schweizer Fernsehens
sagt sie aber auch: «China fordert einen
sehr. Sehr!» Wie abenteuerlich ihre Arbeit im Reich der Mitte war, erzählt die
Journalistin in ihrem eben erschienenen
Buch «Live aus China». Da waren
TV-Berichte, für die sie wochenlang recherchierte, Interviewpartner suchte
und dann in entlegene Ecken des Landes
reiste, nur um zu erfahren, dass ein
Parteisekretär die Reportage abgeblasen
hatte. Es gab Bedrohung durch Behörden
und halsbrecherische Fahrten auf der
nebligen Autobahn. So mancher Bericht
wurde tagsüber gedreht, abends im Hotelzimmer geschnitten und kurz vor der
Schweizer «Tagesschau» über wacklige
Internetverbindungen in die Schweiz
geschickt. Für Schlaf und Erholung blieb
kaum Zeit.
Ein Haus mit Garten in Hongkong
ist der neue Lebensmittelpunkt
6
PORTRÄT
| 25
Von der Neugierde
getrieben
V
4
|
Vor fünfeinhalb Jahren kam Tocher Lara
zur Welt, vor etwas mehr als zwei Jahren
Sohn Dylan – und das Leben in China
wurde nicht einfacher. Barbara und ihr
Mann Tomas – ebenfalls Journalist –
hatten Lara stets auf Reportagen mitgenommen. «Mit zwei Kindern ging das
nicht mehr», sagt Lüthi. Zu den organi-
Barbara Lüthi wurde 1973 in Zürich
geboren und wurde zunächst Wirtin. Seit 2006 lebt
sie in China.
satorischen Herausforderungen kamen
die gesundheitlichen: Krebserregende
Lebensmittel und Umweltverschmutzung waren plötzlich nicht mehr nur
journalistische Themen. «Mehrmals
hatten die Kleinen Atemwegsinfektionen wegen der schlechten Luft in
Peking», sagt Barbara Lüthi.
Die Familie zog 2009 nach Hongkong,
wo die Luft besser ist und die Bioläden
tatsächlich Bio verkaufen. «Unsere
Wohnung liegt in einem Haus mit Garten
etwas ausserhalb des Stadtzentrums»,
sagt Lüthi, «vor dem Haus das Meer und
hinter dem Haus der Regenwald.» Und
einen Katzensprung entfernt die pulsierende Metropole mit dem internationalen Hub – perfekt für Lüthis regelmässige Arbeitsaufenthalte in Peking und
ihre zukünftigen Reisen: Seit wenigen
Monaten berichtet die Journalistin neu
über Südostasien. Für eine sechsteilige
Reportage über die «Old Burma Road»
von Kunming nach Kalkutta ist sie schon
am recherchieren, sie wird nächsten
Sommer als DOK-Serie im Schweizer
Fernsehen ausgestrahlt.
Chinesische Erziehungsmethoden
müssen dann doch nicht sein
Seit diesem Sommer lebt die Familie auf
Bali. Ende Jahr geht es zurück nach
Hongkong. Dann will Lüthi nicht mehr
so viel arbeiten und so oft von zu Hause
weg sein, wie es ihr China-Job verlangte. Sie will nur so viele Reportagen realisieren wie nötig und mehr für die Kinder
da sein. «Sie sind das Beste, was ich je
gemacht habe im Leben», sagt Lüthi,
«ich will bei ihnen sein.» Wenn es um
die Kindererziehung geht, hinterfragt sie
ihre Wahlheimat kritisch. Das strenge
chinesische «Tigermom»-Konzept, das
auf Drill setzt, kommt für sie nicht in
Bild: Lukas Vrtilek
MENSCHEN
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PORTRÄT
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NR. 46, 10. NOVEMBER 2014 | MIGROS-MAGAZIN |
Frage. Ansonsten beobachtet die Mutter
fasziniert, wie ihre Tochter zur Weltbürgerin heranwächst, die genau so gut
Englisch wie Deutsch spricht. Beide
Kinder werden in der German Swiss International School in Hongkong auch
Mandarin lernen. Barbara Lüthi seufzt:
«Ich selber hatte dafür in den letzten
Jahren kaum Zeit.» Das soll sich nun
ändern, sie will nicht nur Strassenchinesisch können, sondern auch chinesische
Zeitungen und Literatur verstehen.
Denn: «Ich bin diesem Land verbunden.» Und es hat sie geprägt. Demütiger
sei sie geworden, sagt Lüthi, und toleranter. Sie habe Menschen gesehen, die
sich mit den schwierigsten Gegebenheiten arrangieren. «Das hat mir bewusster
gemacht, was wir haben.»
kein Bordeaux-Wein erhätlich war.
Lüthi, gerade zurück aus dem Katastrophengebiet von Tacloban, fragte den
reklamierenden Fluggast, ob die Traubensorte wirklich wichtig sei. Umgehend habe sie sich für die Einmischung
entschuldigt, sagt sie. Aber nicht, weil
sie das Anliegen verstanden hätte, sondern nur, weil sie ihr Unverständnis
normalerweise für sich behalte.
Für Wohlstandsprobleme fehlt
heute das Verständnis
Auf Bali geniesst Barbara Lüthi zurzeit ihre Kinder Dylan
Max (2) und Lara Uma (5).
Deshalb hat sie manchmal Mühe, wenn
sich jemand über Kleinigkeiten beklagt.
Kürzlich sass im Flugzeug hinter ihr ein
Mann, der sich beschwerte, weil an Bord
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Teilnahmeschluss ist der 23.11.2014.
Text: Yvette Hettinger
«Live aus China – Mein Leben im Reich der
Mitte», Barbara Lüthi, Orell Füssli, erhältlich für
22.30 Franken bei Ex Libris.
www.migrosmagazin.ch
LESEN SIE ONLINE
Tränen über Kinder als Katastrophenopfer,
der Umgang mit Tigermoms, Diskussionen
mit der Nanny: Die Journalistin Barbara
Lüthi über ihren Alltag mit Kindern in China.
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MENSCHEN
MIGROS-MAGAZIN | NR. 46, 10. NOVEMBER 2014 |
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AUF EIN WORT
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FRAU DER WOCHE
TV-Star in Japan
Easyvote will bis
zu den Wahlen im
Herbst 2015 die
Zahl der jungen
Erwachsenen, die
abstimmen, von
30 auf 40 Prozent
anheben.
POLIT-FAULE JUNGE?
«Unsere Demokratie ist
unser ganzer Stolz»
Eine Studie zeigt: Die Hälfte der bis 25-jährigen Wähler interessiert sich eigentlich für Politik.
Die Plattform Easyvote will die Jungen an die Urne bewegen – mit Videos und Vote-Wecker.
Bilder: Keystone, Alexandra Molinaro, Yoshiaki Miura Photo, zvg
Alexandra Molinaro, den
Jungwählern ist die politische Sprache zu kompliziert, der Wahlakt zu
schwierig, und sie kennen
die Politiker nicht, die zur
Wahl stehen. Was läuft
falsch?
Easyvote-Studie
hat
aber auch Erfreuliches
gezeigt: Die junge Generation ist nicht apolitisch, jeder Zweite interessiert sich für Politik.
Unser Ziel ist es, diese
Interessierten dazu zu
bewegen, sich über alle
Vorlagen zu informieren
und regelmässig an die
Urne zu gehen.
Die offiziellen Informationen kommen in der
Tat sehr komplex und Alexandra Molinatechnisch daher. Sie ro (26) ist Cosetzen viel Vorwissen Projektleiterin von
voraus, dabei geht das Easyvote und stuWie gehen Sie das an?
Wesentliche oft in den diert an der UniDen 18- bis 25-Jährigen
Details verloren. Viele versität in Lugano. ist es oft nicht bewusst,
Wähler sind überfordert
dass sie mit ihrer Stimme
damit, nicht nur die jüngeren. Das und Wahl tatsächlich etwas bewiruntergräbt unsere Demokratie. Wir ken können, dass es um ihre Zugeben nun in zehn Kantonen die kunft geht. Wir von Easyvote wolEasyvote-Abstimmungshilfe her- len die Jungwähler in den Schulen
aus. Auch die Behörden könnten dafür sensibilisieren und für sie
mithelfen, vereinfachte Unterlagen Gespräche mit Politikern organizu gestalten. Warum nicht ein Pa- sieren.
ket von Informationen anbieten
mit verschiedenen Schwierigkeits- Vor einigen Tagen hat Easyvote drei
stufen? Es geht um unsere Demo- Video-Clips veröffentlicht, zu Ecopop,
kratie, unseren ganzen Stolz!
zur Gold-Initiative und zur Abschaffung
Vor allem die ältere Generation scheint
dies so zu sehen: Die Wahlbeteiligung
der 18- bis 25-Jährigen liegt bei etwa
30 Prozent, die der über 60-Jährigen bei
60 bis 70 Prozent.
Die Kategorie der über 60-Jährigen
ist die stimmfleissigste. Unsere
der Pauschalbesteuerung. Kann man
der Generation Youtube nur Filmhäppchen über Politik zumuten?
Wir sehen das so: Um die Jugendlichen zu erreichen, müssen wir
dorthin gehen, wo sie sich aufhalten. Die Politik soll Teil der Lebenswelt der Jugendlichen werden. Sie
können sich die Clips unterwegs auf
dem Smartphone ansehen und sie
mit ihren Freunden via Facebook
teilen. Um die Grundlagen einer
Vorlage zu vermitteln, reichen zwei
bis drei Minuten.
Wie wollen Sie die Politiker den Jungwählern bekannt machen?
2009, ein Jahr vor der Matur, zog
Christine Haruka (22) von Zürich
nach Tokio. Heute ist die Tochter
einer Schweizerin und eines Japa­
ners fast täglich im japanischen
TV zu sehen: Sie zählt auf Deutsch,
zieht Grimassen, reisst Stunts und
singt wild drauflos. Millionen von
Fans folgen ihren «Variety Shows»
begeistert. Jüngst hat sie auch eine
Moderatorenstelle im staatlichen
Fernsehen ergattert und erklärt nun
Laien das traditionelle japanische
Theater in «Kool Kabuki».
MANN DER WOCHE
Gassen-Coiffeur
Aktuell läuft ein Pilotprojekt in
Basel: Jungwähler können den Kandidierenden für die Parlamentsund Regierungswahlen im Baselbiet
ihre eigenen Fragen online stellen.
Die fünf beliebtesten Fragen fliessen
in die Wahlhilfe Smartvote ein. Das
Interesse daran ist gross.
Viele halten die Generation Y für faul
und egoistisch. Zu Recht?
Das sehe ich nicht so. Ich bin seit
zehn Jahren aktiv in Jugendparlamenten, in der Schweiz gibt es 60
davon. Ich treffe stets auf engagierte Junge, die mitgestalten und mitreden möchten. Ich bin zuversichtlich, dass wir unser Ziel erreichen:
Wir wollen die Zahl der jungen Erwachsenen, die abstimmen, um
10 auf 40 Prozent anheben – bis zu
den National- und Ständeratswahlen 2015. Dabei soll uns auch der
Vote-Wecker helfen. Er erinnert die
registrierten Jungwähler und ihre
Freunde per SMS an den Urnengang.
Interview: Monica Müller
Statt bloss Kunden im Salon frisiert
und rasiert Engels Rodriguez (22)
aus Rapperswil SG auch Obdach­
lose auf der Strasse – und zwar
gratis. Der Latino ist behütet aufge­
wachsen und will Gutes tun. «Mit
einer gepflegten Frisur nimmt die
Gesellschaft Randständige anders
wahr.» Die Obdachlosen, die er in
Zürich ansprach, nahmen sein An­
gebot dankend an. Alle wünschten
sich dasselbe: einen möglichst kur­
zen Schnitt, der lange hält. Nun will
er in weiteren Städten wirken.
MENSCHEN
30 |
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ROLLENSPIELE
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NR. 46, 10. NOVEMBER 2014 | MIGROS-MAGAZIN |
Konflikte unter den Vampirclans sind
durchaus üblich: Sandro Weiss, Anita
Hedinger und Reno Plüss (von links)
im Keller der Waldhütte Bellikon AG.
Vampirjagd
im dunklen Wald
Einmal pro Monat verwandeln sich Banker und Bäckerinnen in Vampire, Orks
oder Piraten und treffen sich zum Rollenspiel. LARP, Live Action Role Play,
nennt man dieses Improvisationstheater ohne Publikum. Wir waren dabei.
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MIGROS-MAGAZIN | NR. 46, 10. NOVEMBER 2014 |
MENSCHEN
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ROLLENSPIELE
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SZENE 1
Die Lage ist ernst. Vampire aus den verschiedenen Clans der Domaene Argovia
haben sich in einer Waldhütte im Kanton
Aargau versammelt, um herauszufinden,
wer für die drei toten Menschen verantwortlich ist, die unlängst blutleer in der
Gegend gefunden wurden. Es herrscht
nämlich ein strikter Code: Die Vampire
ernähren sich zwar von Menschenblut,
aber sie töten ihre Opfer nicht.
Doch während der Sheriff in der Hütte
noch versucht, den Sachverhalt zu klären,
schlagen andere Vampire Alarm: Im Wald
sind Vampirjäger gesichtet worden. Steht
ein Angriff bevor? Waren die toten Menschen nur Lockvögel, um die Clans hier in
eine Falle zu locken? Eine Gruppe von
Vampiren schwärmt aus, raus in den
dunklen Wald, um die Jäger zu jagen.
REALITÄT 1
«Ich hoffe, Sara bringt Blut mit», sagt
Katrin (18) und betrachtet sich kritisch
im Spiegel des heimischen Badezimmers
im Kanton Luzern. Ihre Haare sind wild
verstrubbelt, hinten an ihrer schwarzen
Lederhose hängt ein Fuchsschwanz,
eine Kontaktlinse im rechten Auge gibt
diesem ein geschlitztes, tierartiges Aussehen. Nur mit dem «Blut», das sie sich
eben ins Gesicht geschmiert hat, ist sie
noch nicht zufrieden. Die selbst gemixte
Flüssigkeit ist zu hell. Ihr Freund Simon
(20) lehnt im Türrahmen und schaut zu.
Er selbst wird seine Maske erst vor dem
Spielstart am Abend in der Waldhütte
auftragen – es sind Klumpen aus Vanillepudding, die seinem Gesicht ein aufgedunsenes, leicht ekliges Aussehen geben
sollen. Das erwähnte Blut, auf das Katrin
hofft, ist natürlich nicht echt. «Selbst
gekochtes Kunstblut», erklärt sie.
Katrin und Simon sind seit etwa
einem Jahr Mitglieder des Rollenspiels
«Vampire Live» im Kanton Aargau.
Einen Samstagabend pro Monat verwandeln sich die künftige Tiermedizinstudentin und der angehende Elektriker
in Vampire und treffen sich mit anderen
Rollenspielern an einem von der Spielleitung festgelegten Ort. Dort spielen sie
ihre epische Fortsetzungsgeschichte
um die Abenteuer rivalisierender Vampirclans weiter, die unbemerkt von den
Menschen den Aargau unsicher machen.
Die beiden gehören zu den jüngsten
Spielern in der Gruppe – die ältesten
sind in den 40ern. Katrin hat schon als
Kind in Schultheatern mitgespielt, und
beide sind grosse Film- und Gamefans.
Da ist der Sprung zu einem LARP nicht
so weit. Die Spielleiter der Domaene Argovia lernten sie bei einem anderen Roll-
|
MENSCHEN
MIGROS-MAGAZIN | NR. 46, 10. NOVEMBER 2014 |
lenspiel kennen. Diese waren auf der
Suche nach neuen Spielern für ihr Vampir-LARP – Katrin und Simon liessen
sich nicht lange bitten.
Mit Hilfe der Spielleiter kreierten sie
Charaktere, die sich in die komplexe Geschichte integrieren liessen. Katrin ist
Sam, eine Vampirin des Clans Gangrel,
auch Clan der Tiere genannt. Wenn sie
die Kontrolle verlieren, nehmen sie tierhafte Züge an. Simon ist Romanowski,
ein Vampir des Clans Nosferatu, äusserlich eher abstossend, aber ein ausgezeichneter Beobachter und Spion.
«Romanowski wird heute Abend nicht
so viel zu tun haben», sagt Simon. Aber
das ist ihm nur recht, denn er ist gerade
in der RS und leicht übermüdet.
Für Sam hingegen dürfte einiges los
sein, vermutet Katrin, die bester Laune
ist – nicht zuletzt, weil sie am Vortag
erfahren hat, dass sie ihre Matura bestanden hat. «Sam wird versuchen, sich
beim Sheriff einzuschleimen, weil sie
gerne sein Helferlein werden würde.»
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ROLLENSPIELE
| 33
Der Clan der Gangrel sucht im Wald
ob Bellikon nach Vampirjägern, die
irgendwo im Unterholz lauern.
SZENE 2
Gemeinsam mit zwei anderen Mitgliedern
des Clans Gangrel stürmt Sam ins Unterholz. Irgendwo dort lauern Vampirjäger
und führen Übles im Schilde. Aber man
hört nichts als die Geräusche der Nacht,
ein Vogel hier, ein Rascheln dort.
Dann ein Angriff! Zwei Jägerinnen
attackieren die Vampire überraschend
aus der Dunkelheit. Doch die wehren sich
erfolgreich. Eine Jägerin stirbt, die andere sinkt bewusstlos zu Boden. Beide
werden in die Hütte geschleppt, wo sie von
Caspar Balthasar Waidmann erwartet
werden, einem mächtigen Vampir des
Clans der Könige. Sobald die Bewusstlose
aufwacht, beginnt er sein Verhör.
Simon und Katrin
perfektionieren
vor dem Spiel noch
ihren Look. Die
gelben Pusteln in
Simons Gesicht
bestehen aus
Vanillepudding.
REALITÄT 2
Katrin und Simon betreiben einigen
Aufwand für ihr Hobby. Sie klappern
Brockenhäuser ab nach interessanten
Kostümen und Accessoires und probieren allerlei Material aus für Masken oder
einen tierischen Look. Die Hauptattraktion des LARP-Hobbys ist für sie das
tiefe Eintauchen in eine fremdartige
Welt. «Mich reizt es, jemand ganz
anderes sein zu können, in einer ganz
anderen Situation», sagt Katrin. Für
beide ist es am schönsten, wenn sie im
Spiel nach und nach wirklich mit ihren
Charakteren verschmelzen.
Sie sind sich aber durchaus bewusst,
dass es Leute geben könnte, die ihr
Hobby ziemlich schräg finden. «Es gibt
schon einige, die sich Sorgen machen,
was ihr Chef denkt, wenn er erfährt, dass
sie einmal pro Monat als Vampir verkleidet durch die Wälder laufen», sagt Katrin. Sie selbst bekam jedoch noch nie
negative Reaktionen. Das Beste seien die
vielen neuen Freunde, die sie inzwischen
habe. Als sie mit ihren Eltern vor drei
Jahren aus Deutschland in die Schweiz
kam, kannte sie kaum jemanden. «Seit
ich beim LARP bin, weiss ich gar nicht,
mit welchen Freunden ich zuerst was
unternehmen soll.»
Wie nah sich die Spielerinnen und
Spieler stehen, zeigt sich kurz darauf bei
der Waldhütte Bellikon AG, dem Schauplatz dieser Nacht. Man begrüsst sich
herzlich, plaudert über Gott und die
Welt, hilft sich mit Kostümen und
Make-up, fachsimpelt über andere
LARP. Einige spielen «Vampire Live»
schon seit vielen Jahren und sind auch in
weiteren Rollenspielen aktiv – oft in
Mittelalter- oder Fantasy-Settings.
«Die Mehrheit dort will Action,
Kampf und Heldentum», erklärt Sandro
Weiss (26), ein Polymechaniker aus
Pfaffhausen ZH, der elegant kostümiert
den Vampir Caspar Balthasar Waidmann
spielt. «Bei uns geht es mehr um Strategie und Intrigen, die Figuren sind mehrschichtig, nicht einfach gut oder böse.»
SZENE 3
Das Verhör erweist sich als fruchtbar.
Vampir Waidmann erfährt, dass es einen
Anführer gibt, der nicht nur die Jäger geschickt hat, sondern vermutlich auch
hinter den drei toten Menschen steckt.
Doch wie genau könnte man an den rankommen? Ein weiterer der anwesenden
Mächtigen, genannt die Geissel, weil er
auch Vampire töten darf, bereitet ein
Ritual vor, mit dem er das Wissen einer
der toten Jägerinnen anzapfen kann.
REALITÄT 3
17 Spielerinnen und Spieler haben sich
bei der Waldhütte eingefunden, wo es
MENSCHEN
34 |
|
ROLLENSPIELE
langsam eindunkelt – alles Leute, die
mitten im Leben stehen, aber Spass daran haben, für ein paar Stunden jemand
ganz anderes zu sein. Spielleiter Reno
Plüss (32, angehender Oberstufenlehrer
aus Mellingen AG) und Sara Arpagaus
(29, Finanzberaterin aus Schönenwerd
SO) erklären die aktuelle Spielsituation.
Sie spielen «Vampire Live» schon seit
gut zehn Jahren. Als Leitungsteam organisieren sie die Spielorte, kassieren die
Teilnahmegebühr (40 Franken pro Person und Abend), administrieren die
Teamseite auf Facebook, helfen neuen
Spielern, einen Charakter zu gestalten,
und strukturieren den grossen Handlungsbogen der Geschichte.
Um etwa 20.30 Uhr geht es los. Ab
sofort herrscht «In-Time», die Spieler
sind in ihren Rollen und ignorieren alles,
was nicht zum Spiel passt. Um das nach
aussen zu demonstrieren, wird im Spiel
konsequent Hochdeutsch geredet. Wenn
es eine Regieanweisung braucht, wird
kurz eine «Off-Time» erklärt, und man
diskutiert auf Schweizerdeutsch. Dann
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NR. 46, 10. NOVEMBER 2014 | MIGROS-MAGAZIN |
«Mich reizt
es, jemand
ganz anderes sein zu
können, in
einer ganz
anderen
Situation.»
Kostüm und
Make-up sind
wichtig: Katrin
(gross),
Anita Hedinger
und Reno Plüss.
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MENSCHEN
MIGROS-MAGAZIN | NR. 46, 10. NOVEMBER 2014 |
geht es wieder zurück «In-Time» und
in die Vampirwelt.
SZENE 4
Das Ritual ist laut und heftig. Die Geissel
(Spielleiter Reno) erweckt die tote Jägerin
(Spielleiterin Sara) temporär wieder zum
Leben, indem er einer anderen Jägerin Lebensenergie abzapft. Während diese sich
laut jammernd am Boden wälzt, verhört
der Vampir die sich windende Tote. Mitten im Verhör wird er plötzlich von einer
Vampirin im Raum attackiert, doch Sam
und andere setzen sie ausser Gefecht.
Nachdem die Geissel aus der Toten rausgeholt hat, was sie wissen wollte, entlässt
sie sie zurück ins Jenseits und widmet sich
nun der unerwarteten Angreiferin. Nach
einer heftigen Diskussion vollzieht die
Geissel die Strafe, die auf einen Angriff
auf die eigene Art steht: Sie wirft die Angreiferin zu Boden und trinkt sie leer.
REALITÄT 4
Nach dem dramatischen Finale endet
das Spiel gegen halb eins. Die Spielerin,
deren Charakter eben getötet wurde,
erzählt, dass dies mit der Leitung abgesprochen gewesen sei. Sie findet, nach
fünf Jahren sei es Zeit für einen neuen
Charakter. Auch Katrin und Simon sind
sehr zufrieden. «Das war extrem spannend», sagt Simon, «besonders die
Action draussen im Wald.» Und Katrins
Figur ist nun ihrem Ziel näher, Helferlein
des Sheriffs zu werden.
Die Vampirjäger berichten, dass sie
mitten im Wald wohl eine Wildsau aufgescheucht hätten. «Wir haben es rascheln gehört und dachten schon, die
Vampire hätten uns gefunden, aber dann
hat es plötzlich laut gegrunzt», erzählt
einer und lacht. «Da haben wir lieber
den Rückzug angetreten.»
Einige brechen schon bald auf, andere diskutieren noch. Gegen zwei Uhr
machen sich auch Katrin und Simon auf
den Heimweg – kurz darauf ist der Wald
oberhalb Bellikons komplett vampirfrei
und gehört wieder ganz den Wildschweinen.
Texte: Ralf Kaminski
Bilder: Stephan Rappo
LARP
Live Action Role Play ist eine Art
Improvisationstheater ohne
Publikum, bei dem die Spieler
einen fiktiven Charakter
physisch verkörpern, mit
Kostüm, Make-up und
Requisiten. Die Spielhandlung
ist oft nur lose geplant.
Besonders beliebt sind Fantasy,
Mittelalter, Vampire, Horror und
Postapokalypse. In der Schweiz
gibt es einige hundert Spieler,
mehr Männer als Frauen,
darunter viele Akademiker.
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Pen & Paper
Ein Spiel, an dem die Mitwirkenden um einen Tisch sitzen, in
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gemeinsam durch Erzählen ein
Abenteuer erleben. Hauptspielmittel sind Stifte und Papier, um
die Rollen zu beschreiben und
den Spielverlauf festzuhalten.
Online-RPG
Diese Rollenspiele werden
schriftlich am Computer
gespielt. Die Spieler sind online
miteinander vernetzt und
entwickeln gemeinsam in ihren
Rollen eine Handlung.
Cosplay
Die Teilnehmer stellen einen aus
Film, Fernsehen, oder Comic
bekannten Charakter mittels
Kostüm und Verhalten
möglichst originalgetreu dar.
Gespielt wird in der Rolle
allerdings nicht. Der japanische
Verkleidungstrend kam mit dem
Manga-Boom nach Europa.
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MENSCHEN
MIGROS-MAGAZIN | NR. 46, 10. NOVEMBER 2014 |
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ROLLENSPIELE
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Zwei, die ihre Rollen mit ganzem Einsatz spielen
Der Informatiker Peter Keel ist seit bald 20 Jahren LARP-Spieler.
Sara Ehling als Ork im Endzeitszenario «Shadow Run».
«Rollenspieler sind sozial und kommunikativ»
«Im LARP wird man akzeptiert »
E
s gibt nur einen Raum in Peter
Keels Zürcher Wohnung, dem
man dessen Hobby nicht
ansieht: das Bad. Überall sonst
vermischen sich Neuzeit und
Mittelalter. Im Küchenschrank
stehen altertümliche Tongefässe,
im Schlafzimmer hängt eine enorme Sammlung an Schwertern und
Hellebarden, und gleich ein ganzes
Zimmer dient der Aufbewahrung
von mehreren Dutzend Kostümen
und Requisiten aller Art.
Peter Keel ist 40, Informatiker
und seit Ende der 90er-Jahre in der
Schweizer LARP-Szene aktiv. Dort
kennt man ihn als Seegras, der Name einer seiner ersten LARP-Figuren, eines ehemaligen Piraten. Für
eine neue Figur betreibt er viel
Aufwand – selbst wenn er in der
Rolle nur einmal auftritt. «Wenn
ich einen Steinmetzen spiele, muss
ich wissen, wie diese Arbeit funktioniert, damit ich überzeugend
spielen kann.»
Pro Jahr nimmt er an 10 bis 15
Spielen teil, meist über ein langes
Wochenende hinweg, manchmal
auch länger. «Die typischen Rollenspieler haben einen Spieltrieb,
sind sozial und kommunikativ.»
Im Idealfall gelinge es, die reale
Welt komplett auszublenden und
ganz in der Fantasiewelt zu verschwinden. «Man kann aber kein
anderer werden: Wer im realen
Leben Probleme hat, wird die auch
beim LARP haben», erklärt Seegras. «Man kann also keine Ferien
von sich selbst machen, aber Ferien von der modernen Welt, vom
Job, vom Alltag. Und das ist doch
schon eine ganze Menge.»
M
indestens sechs Tage pro
Woche lebt Sara Ehling (32)
in der Welt der Ritter, Trolle und Magier: Sie betreibt
den grössten LARP-Laden der
Schweiz. Im «Allerley» in Islikon
TG rüsten sich Fasnächtler, LARPund Mittelalter-Fans aus allen
Kantonen mit Verkleidungen und
Accessoires für Rollenspiele aus.
Hühnerfüsse, Ritterrüstungen,
künstliche Narben und Waffen aus
Schaumstoff reihen sich in den
Regalen aneinander. Sara Ehling,
in der LARP-Welt seit zehn Jahren
besser bekannt als Linea, mag
Charaktere aus der normalen Bevölkerung: «Im LARP wollen alle
immer etwas Mächtiges wie Krieger oder Magier spielen. Ich stelle
lieber den Dorfdepp oder eine
Händlerin dar.» In LARP-Kreisen
fühlt sich Linea wohl: «Dort wird
man bedingungslos akzeptiert.
Viele wären in ihrem normalen
Umfeld, im Job oder in der Schule
vielleicht Aussenseiter.» Bei Linea
war das früher nicht viel anders.
Doch ihr neuer Freundeskreis und
das Unternehmertum haben ihr
Selbstvertrauen gegeben.
«Beim LARP lernt man ständig
neue Leute kennen und ist noch
dazu an der frischen Luft.» Und:
«Man lebt seine kreative Seite aus.
In keiner Szene gibt es so viele
Männer, die sticken und nähen.»
Auch ihr siebenjähriger Sohn
Ephraim findet Gefallen an der
Fantasiewelt. Er war in diesem
Sommer mittelalterlich zelten.
Natürlich mit Gewandung und allem, was dazugehört.
Text: Silja Kornacher
MENSCHEN
38 |
|
PORTRÄT
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NR. 46, 10. NOVEMBER 2014 | MIGROS-MAGAZIN |
Schmiede-Bügeleisen,
Frankreich, 17./18. Jahrhundert.
ahrhundert.
Diese Glättbolzen
bolzen wurden aus
einem Stück geschmiedet. Zum
Erhitzen wurden sie ins Feuer
gestellt. Vor dem Bügeln mussten sie gut gereinigt werden.
17./18.
Jh.
1940
Elektrisches Bügeleisen
mit Porzellanhaube aus
Langenthaler Porzellan.
Um 1940. Eisen war
in Kriegszeiten rar, man
half sich mit anderen
Materialien aus.
1915
Ende
18. Jh.
Gasplätteisen mit wendbarem,
mit Oberheizung versehenem
Plättkörper. Zur abwechselnde
abwechselnden
Benützung von Ober- und
Unterseite. 1915, Erfindung aus
Schaffhausen. Gasbügeleisen
waren in der Schweiz eher selten.
Kohle-Bügeleisen,
geschmiedet und
mit Herzchen
verziert. Frankreich,
Ende 18. Jahrhundert.
1907
Spiritus-Bügeleisen aus Zürich, 1907
patentiert. Das Spezielle daran: Der
Tank ist im Griff integriert. Was
gefährlich war wegen Explosionen. Es
funktionierte schlecht, die Firma hat
zwei Jahre später Konkurs gemacht.
Heisse
Eisen im
Zeitraffer
|
MENSCHEN
MIGROS-MAGAZIN | NR. 46, 10. NOVEMBER 2014 |
Chinesische Bügelpfanne aus Bronze,
18./19. Jahrhundert, aus der Qing-Dynastie
(1644–1911). Die Chinesen benutzten die
2000 Jahren. BügleBügelpfanne aber schon vor 200
rinnen füllten dieses pfannenartige Eisen mit
Kohle und fuhren damit über die Stoffbahnen.
18./19.
Jh.
|
PORTRÄT
| 39
Das Bügeleisen mit
Bolzeneisen ist ein
Klassiker: Das Bolzeneisen wurde ins Feuer
gelegt, erhitzt, mit
einem Haken aus dem
Feuer geholt und in das
Bügeleisen geschoben.
Die Öffnung wurde während der Arbeit verriegelt. Eine der häufigsten
Techniken der Bügeleisenbeheizung. Um 1700.
1700
1860
1922
Ochsenzungen-Bügeleisen, um 1860. Die
«Ochsenzunge» war im
19. Jahrhundert in der
Schweiz ein sehr beliebtes Bügeleisen. Dank
der runden Form konnten mit der oberen Seite
Bänder und Rüschchen
gut gebügelt werden.
Dampfbügeleisen: Das Wasser
wird in den Storzen
gefüllt, auf der Bügelfläche befinden
sich Düsen. Zürcher
Erfindung, 1922.
Vom erhitzten Stück Eisen zum
Hightechgerät: Seit Jahrhunderten
bügeln Menschen ihre Kleider.
Der Zürcher Claudio Leibacher hat
500 Glätteisen aus allen Epochen
gesammelt. Selber bügelt er aber
nicht.
1920
Reisebügeleisen mit
Reise
Meta-Tablette, um
1920. Das Bügeleisen
Bügel
wurde auf einem kleinen Brenner mit einer
Meta-Tablette
erhitzt.
Meta-T
So blieben die Hemden auch auf einer
BahnSchiffs- oder Bahn
reise faltenfrei.
|
MIGROS-MAGAZIN | NR. 46, 10. NOVEMBER 2014 |
MENSCHEN
M
ir gefallen alte Sachen», sagt
Claudio Leibacher (31). Schon als
Kind durchstöberte er gerne das
Haus seines Grossvaters im Appenzel­
lerland und fragte seine Grosseltern über
die Vorfahren und das Leben von früher
Löcher in den Bauch. «Besonders das
tägliche Leben interessierte mich.» Er
fing an, verschiedene einstige Alltags­
utensilien zu sammeln. Haushaltgeräte
hatten es ihm besonders angetan. Ein
Bügeleisen fehlte ihm aber noch lange.
Er war 17, als er ein Inserat machte. «In
der Migroszeitung war das!», erinnert
er sich und lacht.
Claudio Leibacher erhielt zahlreiche
Rückmeldungen – das war der Start­
schuss zu seiner Bügeleisensammlung.
Die verschiedenen Formen, die unter­
schiedlichen Bügeltechniken faszinier­
ten ihn. Er widmete sogleich auch seine
Maturaarbeit dem Haushaltgerät und
machte sich von da an so oft wie möglich
auf die Suche nach neuen Exemplaren.
«Während des Geschichtsstudiums an
der Universität Zürich klapperte ich
jeden Samstag Flohmärkte in der ganzen
Schweiz ab.» Das Gute an den Bügel­
eisen: Sie waren für den Studenten er­
schwinglich, die günstigsten kosten ein
paar Franken, nur wenige, seltene Stü­
cke können schon mal 200 bis 300 Fran­
ken teuer sein.
PORTRÄT
| 41
WISSENSWERT
Geschichte des
Bügeleisens
Seine Liebe zur Tradition
bestimmte auch seinen Beruf
Heute, 14 Jahre später, besitzt er um die
500 Bügeleisen. Seine Sammlerstücke
stehen sorgfältig aufgereiht in seinem
Arbeitszimmer und im Wohnzimmer.
Die Formen sind vielfältig. Er hat welche,
die fast sieben Kilo schwer sind, andere,
die mit Herzchen, Drachen und Schwä­
nen verziert sind. Die meisten sind aus
Eisen und wurden im Feuer oder mit
Kohle erhitzt. Ein paar wenige werden
mit Gas, Spiritus oder Strom betrieben.
In der Ecke seines Arbeitszimmers
steht ein Schneiderofen, ein Ofen, wie
man ihn einst in Schneiderwerkstätten
fand: Am runden Heizkörper sind rings­
um sechs Bügeleisen eingehängt, so hat­
te man stets ein heisses Eisen zur Hand.
Claudio Leibacher besitzt auch Eisen
für das Bügeln von Handschuhen, Hüten
und Krawatten; und Bügeleisen in Blü­
tenform, die als eine Art Stempel dien­
ten und in den Stoff gedrückt wurden; er
hat Tollstäbe, mit denen Halskrausen
gebügelt und in Form gebracht wurden,
Plissierstäbe, die für plissierte Röcke
und Blusen gebraucht wurden. In seinem
Wohnzimmer steht eine lange Reihe von
«Ochsenzungen», eine besondere Form
|
Claudio Leibacher, von Beruf Biberbäcker, sammelt seit 14 Jahren Bügeleisen.
von Bügeleisen, die in der Schweiz stark
verbreitet war. 2008 kuratierte er eine
Bügeleisenausstellung im Museum
Aargau auf Schloss Lenzburg. «Damals
gab ich historische Bügelkurse mit
Kohlebügeleisen. Mit Sprit oder Gas
habe ich noch nie gebügelt.» Den Traum
vom eigenen Museum hat er aufge­
geben. «Das ist nicht realistisch», sagt
er. Für Interessierte macht er bei Gele­
genheit gerne Führungen.
Claudio Leibacher ist mit seiner Frau
Lilith gerade erst in die Wohnung in
Wermatswil ZH eingezogen, die ein
Erweiterungsbau an das Haus seiner
Eltern ist. Dass er hier wohnt, hat seinen
guten Grund. Im Untergeschoss befin­
det sich die Biberbäckerei, die er mit sei­
nem Bruder Silvan führt – eine zweite
grosse Leidenschaft.
Zum Biber ist er auch dank seiner Lie­
be zu alten Dingen und Traditionen
gekommen. Ihm gefielen die handge­
schnitzten Bibermodel, und er wollte
lernen, wie man einen richtig guten
Biber backt. Schnell wurde das Hobby
zum Beruf. «Als Historiker war es sehr
schwierig, eine Stelle in einem Museum
oder einem Archiv zu finden. Also sagte
ich mir: Warum nicht Biberbäcker?» Er
kaufte Profi­Maschinen, holte die
Berufslehre nach und nahm seinen Bru­
der, einen Werbefachmann, mit an Bord.
Claudio Leibacher schnitzt die ge­
wünschten Sujets in seinem Arbeitszim­
mer selbst, wo über 50 verschiedene
Schnitzeisen bereitliegen und wo ein
Grossteil seiner Bügeleisensammlung
ausgestellt ist.
Und bügelt er auch selbst? «Nein»,
sagt er. «Wir haben kein gutes Bügel­
eisen!» Seine Frau und er lachen.
Text: Claudia Langenegger
Bilder: Daniel Winkler
In China benutzte
man bereits vor 2000
Jahren Bügelpfannen, um Stoffe zu
glätten. Die ersten
europäischen Bügeleisen kamen im
14. Jahrhundert auf,
als sich die eng geschnittene gotische Kleidermode
verbreitete. Die Eisen
wurden aus einem
Stück geschmiedet
und im offenen Feuer
erwärmt. Im 16. Jahrhundert gab es
Bolzeneisen, die im
Feuer erwärmt und
dann ins Innere des
Bügeleisens geschoben wurden; das
Kohleneisen wurde
mit Kohle gefüllt. Im
19. Jahrhundert waren in der Schweiz die
Ochsenzungen- und
Ofeneisen verbreitet.
Zur Jahrhundertwende entstanden gasbetriebene Eisen,
Spirituseisen und das
elektrische Eisen, das
sich in den 20erJahren durchsetzte.
Migrosmagazin.ch
Sehen Sie
online
ChlämmerliSammler
Karl Vogel hat
400 verschiedene
Wäscheklammern.
Eine ist sogar aus
Swarovski-KristallGlas.
MENSCHEN
44 |
|
INTERVIEW
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NR. 46, 10. NOVEMBER 2014 | MIGROS-MAGAZIN |
«Vergessen Sie nicht,
Ihre Erfolge mitzuteilen»
Für Frauencoach und Ratgeberautorin Petra Wüst müssen Frauen ihre Weiblichkeit nicht
aufgeben, um sich durchsetzen zu können – trotzdem gibt es einiges, was sie besser machen
könnten, um in der heutigen Arbeitswelt erfolgreich zu sein.
Welche Mechanismen sabotieren das weib­
liche Selbstvertrauen?
Petra Wüst, was ist der Unterschied zwischen
Ihrem Ratgeber «Sei frech, wild und wunder­
bar» und dem Klassiker «Gute Mädchen kom­
men in den Himmel, böse überall hin»?
Die Message der meisten Klassiker ist:
Macht es so wie die Männer, dann seid
auch ihr erfolgreich. Ich vergleiche nicht
mit Männern. Mein Buch zeigt Frauen,
wie sie sich durchsetzen können, ohne
ihre Weiblichkeit zu verlieren. Die Themen sind aber dieselben, das stimmt.
Wobei mein Buch sich nicht nur auf die
Arbeitswelt bezieht, sondern auch den
privaten Bereich berücksichtigt.
Aber es ist doch schrecklich: Der Klassiker von
Ute Ehrhardt ist 20 Jahre alt! Hat sich seit da­
mals nichts verändert?
Erschreckend wenig. Die traditionellen
Rollenbilder sind nach wie vor sehr
stark. Das sehe ich auch in der Beratung.
Welches sind die Dauerbrenner in Ihren
Coachings?
Selbstvertrauen, Durchsetzungsvermögen und wie man selbstbewusst und
authentisch auftritt.
Was raten Sie Ihren Kundinnen?
Dass sie herausfinden sollen, was sie
wollen. Was sind ihre Wünsche? Ihre
Träume? Welches Leben möchten sie
führen? Und wenn sie sich ein Ziel gesetzt haben, brauchen sie den Mut, dieses in Angriff zu nehmen. Frauen sollten
mutiger sein und mehr an sich glauben.
Glaubenssätze. Durch die Erziehung
oder die Gesellschaft vermittelte Sprüche wie zum Beispiel «Mädchen sind
schlecht in Mathematik». In der Psychologie nennt man das eine sich selbst
erfüllende Prophezeiung: Mit dem
Glauben kann man bekanntlich Berge
versetzen – oder sich selber eine Grube
graben.
«Die tra­
ditionellen
Rollen­
bilder sind
nach wie
vor sehr
stark.»
Wie stärkt man den Glauben an sich selbst?
Man sollte immer wieder mal etwas
wagen. Das können auch ganz kleine
Schritte sein, die Ihnen zeigen: «Hey, ich
kann das.» Oder machen Sie sich eine
Liste von Erfolgen aus der Vergangenheit. Sie werden staunen, wie viel da
zusammenkommt. Durch das Aufschreiben gewinnen die Erfolgserlebnisse an Gewicht, während die Misserfolge
in den Hintergrund treten. Frauen sind
oft einfach zu hart mit sich und halten
sich ständig ihre Misserfolge vor Augen,
statt sich über ihre Leistungen zu freuen. Das schwächt das Selbstvertrauen.
Sie selbst gehen sehr zielstrebig und selbst­
sicher durchs Leben. Sie wussten bereits als
16­Jährige, dass Sie selbständig werden
möchten, und haben sich diesen Traum mit
36 verwirklicht. Was lief bei Ihnen anders?
Auch ich habe Ängste. Die Selbständigkeit zum Beispiel war ein riskanter
Schritt. Aber wenn mir etwas Freude
macht, kann ich mich trotz meiner
Bedenken zum Handeln motivieren.
Sie haben sich bewusst gegen Kinder ent­
schieden.
Diesbezüglich hat sich in der Gesellschaft viel verändert. Früher haben die
Leute den Kopf geschüttelt und mich
nicht ernst genommen, wenn ich sagte,
ich will keine Kinder. Eine junge Mutter
sagte mir sogar einmal, dass man ohne
Kinder keine richtige Frau sei. Heute
schaut man Frauen schräg an, die Vollzeitmütter sein wollen.
Aber Frauen müssen sich noch immer zwi­
schen Kindern und Karriere entscheiden.
Frauen mit Kindern arbeiten in der
Schweiz meist Teilzeit. Das ist eine
schlechte Ausgangslage für eine Karriere. Leider gilt in vielen Firmen die Maxime, dass eine Führungsfunktion ein
Vollzeitpensum erfordert. Und solange
grösstenteils Männer entscheiden, wird
sich da nichts ändern. Darum befürworte ich Quoten, damit das Management
endlich weiblicher denkt.
Wie müssen Frauen verhandeln, wenn sie ihre
Ziele erreichen wollen?
Sie müssen auf Augenhöhe kommunizieren. Klar sagen, was sie wollen, und
wenn nötig Grenzen setzen.
Mir wurde schon vorgeworfen, ich sei zu nett.
Dabei zücke ich bei Konflikten mit Kollegen
|
MIGROS-MAGAZIN | NR. 46, 10. NOVEMBER 2014 |
MENSCHEN
|
INTERVIEW
| 45
Autorin und
Beraterin
Petra Wüst geht
zielstrebig und
selbstsicher durchs
Leben: Schon als
16-Jährige wusste
sie, dass sie dereinst ihr eigener
Chef sein möchte.
Petra Wüst (46) ist
seit zehn Jahren als
selbständige Bera­
terin in Sachen
Selbstvermarktung,
Führungsqualitäten
und Kommunikation
tätig. Zu diesen
Themen hat sie
bereits vier Bücher
geschrieben, zwei
davon schafften es
sogar auf die Best­
sellerlisten des
Wirtschaftsmagazins
«Bilanz» und der
«Financial Times
Deutschland». Ihr
neuster Titel heisst
«Sei frech, wild und
wunderbar. 12 mutige
Schritte für Frauen,
die mehr wollen».
Die Baslerin hat in
Volkswirtschaft dok­
toriert, bringt unter
anderem Erfahrung
als Headhunterin mit
und verfügt über eine
Zusatzausbildung
in Kommunikations­
psychologie.
MENSCHEN
46 |
|
Von Frauen
für Frauen
■ Meinungsmache­
rinnen treffen, von
ihren Erfahrungen
lernen und Impulse
für das eigene En­
gagement erhalten.
Das ist das Ziel der
überparteilichen
Frauentagung, die
am nächsten Sams­
tag, 15. November, an
der Universität Zürich
stattfindet.
■ Auf dem Pro­
gramm stehen diver­
se Workshops, etwa
zum Thema «Sicher
auftreten – klar kom­
munizieren», «Stra­
tegien gegen Sexis­
mus» oder «Lohn­
ungleichheit – die
Problemzone der
Frau». Workshops,
die nicht ausgebucht
sind, nehmen auch
nach Anmeldeschluss noch Teil­
nehmerinnen auf.
INTERVIEW
oder Vorgesetzten einfach nicht das Brech­
eisen, sondern überlege mir lieber, wie ich
mich verhalten muss, damit die Zusammen­
arbeit funktioniert.
Ist Ihre Strategie erfolgreich?
Ich habe das Gefühl, dass meine Taktik auf­
geht. Allerdings passt mir das Signal nicht,
das ich scheinbar damit sende.
Das ist die Krux. In einem männlichen
Umfeld zeigen Sie mit Ihrem Verhalten
Schwäche. Verhalten Sie sich aber wie
ein Mann, sind Sie nicht mehr sich
selbst – und gelten zudem schnell als
Zicke. Auch darum wäre es wirklich
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NR. 46, 10. NOVEMBER 2014 | MIGROS-MAGAZIN |
wichtig, dass es mehr Frauen in Führungspositionen gäbe. Nur so wird sich
die Kommunikation ändern. Heute
sagen sich noch zu viele Frauen: «Das
ist mir zu dumm, da mache ich nicht
mit» – und verzichten auf den nächsten
Karriereschritt.
Ihrem Verhalten erzielen, auch zu kommunizieren.
Dabei heisst es immer, Softskills wie etwa
soziale Kompetenz würden in der Arbeitswelt
zunehmend wichtiger.
Lassen Sie sich nicht beirren. Wenn Sie
finden, Sie seien auf dem richtigen Weg,
dann verfolgen Sie ihn weiter. Aber vergessen Sie nicht, die Erfolge, die Sie mit
«Selbstmarketing ist in der
heutigen Arbeitswelt enorm
wichtig.»
Ich soll damit angeben?
Das werde ich in meinen Trainings oft
gefragt. Frauen fürchten häufig, sie wirkten arrogant, wenn sie über ihre Erfolge
sprechen. Dabei ist Selbstmarketing in
der heutigen Arbeitswelt enorm wichtig.
Durch Ihr Buch führen vier Frauen, an deren
Beispielen Sie weibliche Ängste und Verhal­
tensmuster erklären. Die vier hinterfragen
ihre Handlungen und ihre Kommunikation so
oft, dass es beinahe weh tut.
Die Geschichte der vier Freundinnen ist
natürlich konstruiert, die Beispiele hingegen sind real. Sie stammen von Kundinnen, Freundinnen und auch von mir
selbst. Die Frau, die mehrmals mehrere
Wochen zum Garten ihrer Nachbarn
schauen sollte und sich nicht getraute,
Nein zu sagen, gibt es wirklich. Und auch
die 80 Prozent arbeitende Frau, die von
ihrem Mann mit der ganzen Hausarbeit
allein gelassen wurde, existiert.
Hintersinnen sich Frauen tatsächlich so viel?
Viele Frauen haben Angst, anzuecken
oder nicht mehr gemocht zu werden.
Deshalb geben sie lieber nach und passen sich an, statt sich durchzusetzen.
Gemäss einer von Ihnen zitierten Studie
haben neun von zehn Frauen täglich Schuld­
gefühle. Warum ist dem so?
■ Organisiert wird
die Tagung von der
Frauenzentrale
Zürich. Die Organisa­
torinnen konnten
unter anderen auch
Bundesrätin Simonetta Sommaruga
für einen Auftritt
gewinnen.
Schuldig fühlen kann man sich nur,
wenn man mitfühlt. Womit ich natürlich
nicht sagen will, dass Männer kein Mitgefühl haben. Aber Frauen werden zu
Mitgefühl erzogen. Je mehr Verantwortung ich jedoch für das Wohlbefinden
von anderen übernehme, desto schuldiger fühle ich mich, wenn ich etwas tue,
das andere beeinträchtigen könnte.
Es wäre halt doch besser, wie ein Mann zu
denken.
frauenzentrale-zh.ch
Warum müssen wir uns ständig an Männern messen? Warum messen wir uns
nicht an uns selbst? Seien Sie doch einfach sich selbst. Wenn Sie mitfühlend
sind, seien Sie das weiterhin. Reflektieren Sie Ihr Verhalten. Ändern Sie es,
wenn Sie es als Nachteil erleben. Aber
denken Sie daran: Wenn wir sie richtig
einsetzen, ist Empathie eine wunderbare Stärke.
Scannen Sie den
QR-Tag und sehen
Sie sich Karrieretipps an, die Frauen weiterhelfen.
Interview: Andrea Freiermuth
Fotos: Basile Bornand
«Frauen fürchten oft, sie wirkten arrogant, wenn sie über ihre Erfolge sprechen.»
«Sei frech, wild und wunderbar. 12 mutige
Schritte für Frauen, die mehr wollen» von Petra
Wüst, erhältlich bei Ex Libris für 16.70 Franken.
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