close

Вход

Забыли?

вход по аккаунту

Прайс-лист - Infiniti Украина;pdf

код для вставкиСкачать
F L U G P L A T Zdaktion
Dienstag, 4. November 2014
re
Jugend
In einem
anderen Land
Der Umgang mit Flüchtlingen, die in Deutschland
und Europa ein neues Leben beginnen möchten,
beherrscht die Debatten. Jeder weiß, es ist
kein neues Phänomen, dass Menschen ihre
Heimat verlassen müssen. Der FLUGPLATZ
hat vier von ihnen getroffen.
Karten: Rafael Winniger (Quelle: StepMap, 123map – Daten Openstreetmap, Lizenz Odbl 1.0);
Bilder: Wikipedia / „Sudetendeutsches Archiv“, Bundesarchiv: Heinz Hirndorf, Lizette Hart; Redaktion: Eike Freese
Eine Frage der Menschlichkeit
D
ie Diskussion um den Umgang mit Flüchtlingen bleibt aktuell. Flucht und Vertreibung sind
aber keine neues Thema, sondern in allen Epochen der menschlichen Geschichte zu finden.
Egal ob in biblischen und antiken Zeiten oder in der neueren Geschichte: Es gab immer
Menschen, die in einem neuen Land dem Unglück entkommen mussten.
Im 19. Jahrhundert sind schätzungsweise fünf Millionen Deutsche nach Amerika ausgewandert: Grund
dafür war meist die schlechte wirtschaftliche Lage, seltener politische Verfolgung. Kurz vor Ende des Zweiten
Weltkriegs flohen Millionen Deutsche Richtung Westen, um der Rache der Roten Armee zu entkommen. In
der DDR entschieden sich fast fünf Millionen Menschen, eine Flucht in den Westen zu versuchen.
Dass es Flüchtlinge gibt, ist die Konsequenz von Intoleranz gegenüber anderen Kulturen und
Glaubensrichtungen und eine Folge von Krieg, Armut und Unterdrückung. Aus Angst vor Gefahren, der
Hoffnung auf etwas Besseres oder schlichtweg um zu überleben die Flucht zu ergreifen, ist eine natürliche,
menschliche Handlung und kein Phänomen, das nur Menschen aus Afrika oder dem Nahen Osten betrifft.
Heute ist es allzu oft die Angst vor einer so genannten „Überfremdung der Gesellschaft“, die leider noch
immer weit verbreitet ist. Dabei ist Deutschland schon lange ein multikulturell geprägtes Land – und damit
kein Einzelfall, denn die Globalisierung wirkt sich auf Gesellschaften in aller Welt aus, macht sie
internationaler und dadurch nicht schlechter. Als Deutschland in den 1950er Jahren zu wenig Arbeitskräfte
hatte, waren Ausländer gut genug, den Mangel auszugleichen – heute sprechen sich nicht wenige Deutsche
für eine „einheitlichere“ Gesellschaft aus.
Deutschland oder die EU können nicht alle Hilfsbedürftigen der Welt aufnehmen – aber das ist kein
Grund, so wenig zu tun, wie es derzeit der Fall ist. Sich weiter abzuschotten und die Augen zu verschließen,
kann keine Lösung sein. An vielen globalen Problemen haben die Industriestaaten Mitschuld – auch deshalb
haben sie jetzt mit wachsenden Flüchtlingsbewegungen zu tun. Alles ist eine Frage der Menschlichkeit – und
genau auf die sollten wir uns in der Diskussion ums Thema Flüchtlinge besinnen.
MAIKE WILHELM
Gründe genug, eine neue Heimat zu suchen: So genannte „Sudetendeutsche“ auf der Flucht, Stasi-Akten in einem Archiv der DDR, so genannte „Boat People“ aus Vietnam im Jahr 1979, Soldaten und einheimische Kämpfer in der afghanischen Provinz Wardak.
Als der Krieg
zuende ging
Flucht in
Deutschland
Über das Meer
in einem Boot
15 000 Dollar, um
nicht zu kämpfen
Name: Ilse Denzel
Heutiger Wohnort: Kusterdingen
Geboren: 1938 in Sachsen, aufgewachsen
in Bor, heutiges Tschechien
Geflohen: 1945, mit 7 Jahren
Name: Hartmut Ebeling
Heutiger Wohnort: Mössingen
Geboren: 1942 in Halle an der Saale / DDR
Freigekauft: 1978, mit 36 Jahren
Name: Thi Anh-Dung Nguyen
Heutiger Wohnort: Reutlingen
Geboren: 1966 in Thanh, Vietnam
Geflohen: 1979, mit 13 Jahren
Name: Naweedullah Amerkhel
Heutiger Wohnort: Stuttgart
Geboren: 1993 in der Provinz Wardak,
Geflohen: 2009, mit 17 Jahren
Z
H
W
ir hatten schon eine schlimme Zeit
mit den Tschechen“, sagt Ilse Denzel
noch heute, „die sind nicht sehr
vornehm mit uns umgegangen, als der Krieg zu
Ende ging“. Nachdem das Nazi-Regime den
Krieg 1945 verloren hatte, räumte man die
Wohnung von Denzels Familie aus. Dann
warteten die Deutschböhmen, bis sie abgeholt
wurden. Es war gegen 9 Uhr, als Männer kamen
und meinten, die Familie würde am folgenden
Tag weggebracht. Morgens um 5 Uhr kamen sie
wieder, mit Leiterwagen, in denen bereits
andere Leute saßen. Denzel und die anderen
dachten, es ginge zum Bahnhof – doch sie
wurden zunächst in ein Schulhaus in die
Kreisstadt gebracht. Sie hatten kaum etwas zu
essen, denn zu dieser Zeit gab es noch
Lebensmittelkarten – und einen Tag später hätte
es neue Lebensmittel gegeben.
So mussten Denzels Großmutter, die perfekt
Tschechisch konnte, ihre Mutter, sie selbst und
ihre Geschwister mit einem Laib Brot von der
Nachbarin auskommen. Die wichtigsten Sachen
hatte die Mutter im Kinderwagen ihrer
Schwester versteckt.
Nach ein paar Tagen ging es zum Bahnhof,
dort wurden sie in ein Viehwagon gepfercht,
„wie die Juden“, wie Denzel das sagt. Sie hatten
Angst, wo es nun hinging. Doch nach langer
Fahrt waren sie „endlich wieder im Reich“ – so
formulierten es Denzels Eltern damals. In
Deutschland angekommen, empfingen sie die
Amerikaner und sie wurden erstmal untersucht
und mit weißem Pulver gegen Läuse bestäubt.
Dann kamen sie nach Bayern, nach Eichstätt.
Von dort wurden alle Deutschen mit weißer
Armbinde auf die umliegenden Dörfer verteilt.
So kamen sie nach Haunstetten, ein kleines
Dorf bei Kinding, Mittelfranken. „Zum Glück“,
sagt Ilse Denzel, habe sich ihre Großmutter sehr
schnell mit allen dort verstanden – obwohl sie
anfangs nicht so willkommen waren.
MANUELA KACZMAREK
ur Zeit der deutschen Teilung in Ost
und West versuchten viele DDRBürger, in den Westen zu fliehen.
Hartmut Ebeling und seine Frau Christiane
leben heute in Mössingen – 1978 kamen sie als
Freigekaufte in die Bundesrepublik.
Das ehemalige Ostdeutschland beschreibt
Ebeling als ein verlogenes, diktatorisches
Regime, in dem es weder Rede-, noch
Meinungs- oder Pressefreiheit gab: „Wir
wurden als Kinder so erzogen, immer in allen
Situationen nur das Richtige zu sagen“, so
Ebeling. Für die eigenen Kinder wünschte sich
das junge Paar etwas anderes.
Geplant war eine Flucht über die heutige B5,
die als Transitstrecke zwischen Ost- und
Westberlin häufig für Fluchtversuche genutzt
wurde. An einem Treffpunkt sollten Ebeling
und seine Frau in ein Auto steigen und von
Schleusern in den Westen gebracht werden.
„Aber es kam kein Auto“, erzählt Ebeling,
„sondern ein russischer Vier-Takter, der uns
verfolgt und fotografiert hat“.
Ebeling behauptete, sich auf dem Keilberg
mit Fluchthelfern getroffen zu haben – und
Fluchthilfe wurde laut geltendem Gesetz als
„staatsfeindlicher Menschenhandel“ verfolgt.
Das Strafmaß waren dreieinhalb Jahre Haft für
Ebeling selbst, als Anführer der „Ehebande“,
und drei Jahre für seine Frau.
1978 folgte doch noch der Weg in die
Freiheit: Ebeling und seine Frau gehörten zu
den politischen Häftlingen, die von der
Bundesrepublik freigekauft wurden.
Mit dem Bus ging es direkt aus dem
Gefängnishof über die Grenze in ein
Auffanglager für DDR-Flüchtlinge in Gießen.
Ebeling war noch nie zuvor in der
Bundesrepublik gewesen, aber er fand sofort,
in einem besseren Land und in einer besseren
Gesellschaft angekommen zu sein.
Die Aufnahme in Deutschland beschreibt
Ebeling als prinzipiell gut. „Eine typisch
westdeutsche Frage war immer: ,Wie fühlen
Sie sich, seit Sie nach Deutschland gekommen
sind?‘ – Und ich dachte nur: ,Ja ,wo waren wir
denn vorher?’“ (...)
MAIKE WILHELM
eute“, sagt Thi Anh-Dung Nguyen,
„finde ich meine Erfüllung darin, den
Leuten zu helfen, die wie ich das
Leiden der Flucht und den Krieg hinter sich
haben. Ich möchte ihnen Kraft geben, die
Vergangenheit zu vergessen und eine neue
Zukunft aufzubauen.“ Thi Anh-Dung lebt in
Reutlingen, engagiert sich in der katholischen
Gemeinde und in der Gesellschaft. Gerade 13
Jahre alt war sie, als sie mit ihrer Schwester aus
dem Süden Vietnams geflohen ist. Die Situation
war kritisch: Armut, Verwüstungen und
Glaubensstreit herrschten in den Städten. So
auch in Thanh, This Herkunftsort.
Es war während einer Schulwoche, als Thi
und ihre Schwester nach einem Kirchenchor
von Verwandten abgeholt wurden. Die beiden
Mädchen wussten nicht, wo sie hinfuhren, die
Verwandten sagten nur: „Es geht für euch weg.“
Es ging an die Küste, wo Thi, ihr Onkel und ihre
Schwester in ein kleines Boot stiegen. Damit
fuhren sie mit anderen Flüchtlingen nach
Malaysia, wo sie zu einem Flüchtlingslager
fanden. Bereits bei der Seefahrt im
südchinesischen Meer begannen die Schrecken:
Seeräuber jagten nach dem Boot und mehrmals
geriet es in heftige Stürme.
Mit der Unterstützung Deutschlands durften
sie von Malaysia weiter nach Europa, wo Thi
und ihre Verwandten über den Landweg nach
Stuttgart kamen. Die Erlebnisse des Krieges und
der Reise wird Thi Anh-Dung niemals vergessen
können. Die erste Zeit in Deutschland
beschreibt sie als sehr schlimm: Sie litt unter
Depressionen und Heimweh.
„Ich fühlte eine erdrückende Leere in mir. Ich
betete Rosenkränze, um nicht in Depressionen
zu verfallen, die gaben mir Kraft“, erzählt Thi.
Glücklicherweise halfen die deutsche
Gemeinde, die Kirchenmitglieder, Landsleute
und insbesondere die eine Familie, die
Wunderlichs, die sie und ihre Schwester in ihrer
Familie aufnahmen.
Heute leidet Thi noch immer unter den
Erinnerungen und Heimweh, liebt aber ihr
Zuhause, besonders die Demokratie und die
damit verbundene Freiheit und Verantwortung
für das Land, die Gesellschaft, die Gemeinde
und die Familien. (...)
VITALY CHAIKO
B
is zu seiner Flucht mit 17 Jahren lebte
Naweedullah Amerkhel mit seinen
Eltern in der Provinz Wardak in
Afghanistan. Er kannte die Nachbarn, und alles
war vertraut – doch dann musste er mit zwei
Cousins, die beide ebenfalls noch nicht
volljährig waren, fliehen: Ihre Eltern zahlten
15 000 Dollar, um ihnen die Flucht vor dem
Krieg und den Taliban zu ermöglichen. Die
Taliban waren in seinem Ort sehr stark, sie
zwangen die Leute, sich ihnen anzuschließen.
Wer sich weigerte, wurde umgebracht.
Das Geld rettete sie also vor der
Zwangsrekrutierung – denn alle, die sich die
Flucht nicht leisten konnten, mussten sich den
Kämpfern anschließen oder stürzten sich in
den sicheren Tod. Naweedullah flog mit seinen
Cousins mit dem Flugzeug von Kabul nach
Moskau. Sie hatten ein Visum und gültige
Pässe. Die sammelte aber der Schleuser, der
sie ins Innere Europas brachte, ein. Ihre Fahrt
endete schließlich in Stuttgart – und sie
erfuhren nie, durch welche anderen Länder sie
auf ihrer Flucht kamen.
Das war im Jahr 2009. Naweedullah sprach
kein Wort Deutsch. Dass er gut Englisch
sprach, half ihm zwar bei der Verständigung
mit anderen, erleichterte es ihm aber nicht,
sich in einer unbekannten Stadt mit Menschen
mit eigenartigen Gewohnheiten und einer
fremden Sprache zurechtzufinden.
Vor drei Jahren stellte er einen Asylantrag –
er wurde nun geduldet und durch die Hilfe des
AK Asyl konnte er ehrenamtlich arbeiten. Er
knüpfte Kontakte und lebte sich besser ein. Er
stellte erneut einen Antrag. Die Bearbeitung
läuft noch. Zurzeit macht er seinen Realschulabschluss – und später würde er gern als
Übersetzer arbeiten, da er bereits sechs
Sprachen fließend spricht: Paschtu, Dari,
Urdu, Persisch, Englisch und Deutsch. Wenn
er die nötigen Papiere hat, will er seine Eltern
besuchen. Sie sind nach Pakistan geflüchtet.
SOPHIA JURASCHITZ
Die vollständigen Geschichten und den Leitartikel
gibt es ungekürzt im Internet auf
1/--страниц
Пожаловаться на содержимое документа