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REPORTAGE
„Wann kommen
denn wieder Paletten?“
Inklusion bei der Andres GmbH, Niederkassel
Heute arbeitet Marcel Müller in der Druckerei. An
einer Seite der Walzenprägemaschine schiebt er graue
Kunststoffplatten hinein. An der anderen Seite holt er
sie wieder heraus und stapelt sie akribisch auf einen
Rollwagen. Nun sind die Platten mit einer glänzenden
Dekorfolie beklebt und ähneln Aluminium.
Der 23-jährige arbeitet seit dem vergangenen April
bei der Andres GmbH in Niederkassel. Das Unternehmen entwickelt und produziert Displays und Shop-Systeme aus Holz, Kunststoff, Metall und Glas. Marcel
Müller gehört nicht zur Stammbelegschaft von 90 Mitarbeitern. Er ist geistig behindert und bei den RheinSieg-Werkstätten beschäftigt. Dennoch ist er fester
Teil des Andres-Teams.
„Wir haben acht geistig oder psychisch behinderte
Mitarbeiter. Sie übernehmen manuelle Tätigkeiten wie
kleben, kaschieren oder verpacken. Sie sind komplett integriert und wechseln je nach Bedarf den Arbeitsort.
Marcel könnte morgen in der Konfektionierung eingesetzt werden“, sagt Klaus Andres, geschäftsführender
Gesellschafter. Seit Jahren kooperiert der Unternehmer
mit dem Troisdorfer Standort der Rhein-Sieg-Werkstätten, an dem 530 Menschen mit Behinderung beschäftigt sind. Daher war es für Klaus Andres nur noch ein
kleiner Schritt, sogenannte betriebsintegrierte Arbeitsplätze (BiAPs) in seinem Unternehmen zu schaffen.
Auch das Interesse der Behinderten, außerhalb der
Rhein-Sieg-Werkstätten zu arbeiten, ist groß: „Bei mir
melden sich immer wieder Mitarbeiter, die in einem
Unternehmen arbeiten möchten“, sagt Ingo Gausmann,
Werkstattleiter Technik. „Sie müssen Selbstständigkeit,
’’
Bei mir melden sich
immer wieder Mitarbeiter,
die in einem Unternehmen arbeiten möchten. Sie
müssen Selbstständigkeit,
Flexibilität und Belastbarkeit mitbringen. Der erste
Arbeitsmarkt ist unser
Ziel.
,,
Ingo Gausmann,
Werkstattleiter Technik der
Rhein-Sieg-Werkstätten, Troisdorf
26
Die Wirtschaft Oktober 2014
Flexibilität und Belastbarkeit mitbringen. Für sie ist
es der erste Schritt zum ersten Arbeitsmarkt.“ Bei der
Andres GmbH steht eine Mitarbeiterin der Rhein-SiegWerkstätten ständig als Ansprechpartnerin zur Verfügung. Getragen wird das Projekt vom Landschaftsverband Rheinland (LVR).
Wertvolle Chancen erkennen
„Die Beschäftigung von Menschen mit Behinderungen
zu fördern, ist für uns seit Jahren Programm“, sagt Jürgen Hindenberg, Geschäftsführer Berufsbildung und
Fachkräftesicherung der IHK Bonn/Rhein-Sieg. „Nun
hat das Thema einen Schub bekommen. Denn angesichts des demografischen Wandels fehlen vielen Unternehmen Fachkräfte. Sie müssen neue Zielgruppen
erschließen, um freie Stellen zu besetzen. Eine Zielgruppe sind Menschen mit Behinderungen.“
Um deren Beschäftigung zu fördern, hat die IHK
Bonn/Rhein-Sieg gemeinsam mit dem Westdeutschen
Handwerkskammertag und der Handwerkskammer
Düsseldorf das Projekt „Implementierung von Inklu-
’’
Wir nehmen unsere
soziale Verantwortung als
mittelständisches Unternehmen dieser Region sehr
ernst. Die Zusammenarbeit
mit den Rhein Sieg Werkstätten hilft uns, dieser
Verpflichtung angemessen
nachzukommen.
,,
Klaus Andres, geschäftsführender Gesellschafter der
Andres GmbH, Niederkassel
REPORTAGE
sionskompetenz“ gestartet. Kern des Projekts, das für
zwei Jahre vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales gefördert wird: Die Ausbildungs- und Qualifizierungsberater aller Kammern in Nordrhein-Westfalen
werden darin geschult, die Betriebe über die Möglichkeiten der Inklusion zu informieren. „Unser Ziel ist, dass
Unternehmen die Potenziale von Menschen mit Behinderungen für sich entdecken“, sagt Susanne Burghardt,
Inklusionsberaterin der IHK Bonn/Rhein-Sieg. „Denn
häufig sehen Arbeitgeber nur noch die Behinderung,
sobald ein Bewerber seinen Schwerbehindertenausweis
zeigt. Sie übersehen die Qualifikationen des Menschen,
der vor ihnen steht. Das ist verständlich, nimmt jedoch
beiden Seiten wertvolle Chancen.“
Niederkassel statt Rumänien
Klaus Andres hat die Chancen erkannt: „Ohne die Mitarbeiter aus den Rhein-Sieg-Werkstätten müssten wir
in Billiglohnländer ausweichen“, erzählt der Unterneh-
mer. „Doch eine Produktion in Rumänien wäre wegen
der langen Transportwege keineswegs nachhaltig. Sie
würde auch zu viel Zeit kosten, denn zwischen Auftragseingang und Auslieferung der Displays vergehen
nur fünf oder sechs Wochen. Wir arbeiten unter hohem
Zeitdruck.“
Nicht nur die wirtschaftlichen Aspekte sind vorteilhaft. Auch das Betriebsklima hat sich verändert.
„Für unsere Mitarbeiter mit Behinderung ist die Arbeit
nicht nur Gelderwerb. Sie kommen mit großer Freude
und viel Engagement. Manche warten regelrecht auf
Nachschub und fragen: ‚Wann kommen denn wieder
Paletten?’ Diese positive Arbeitseinstellung überträgt
sich auf die ganze Belegschaft.“
Marcel Müller ist dafür das beste Beispiel. Wenn er
Platten stapelt, ist ihm sein Glück anzusehen. Er lächelt
zufrieden, seine Arbeitskraft wird gebraucht. Und das
tut ihm gut.
Ursula Katthöfer, freie Journalistin, Bonn
Heute Druckerei,
morgen Konfektionierung, übermorgen Zerspanung:
Die Arbeitsplätze
im Unternehmen
wechseln je nach
Bedarf. Marcel
Müller, Marius
Retzlaff, Gabriele
Faust und Ralph
Köcher (v.l.) arbeiten gerne bei der
Andres GmbH.
Link-Tipps
Veranstaltungen zum Thema Inklusion:
Der BDA, der DIHK und das Handwerk haben die gemeinsame Initiative „Inklusion gelingt“ gestartet.
Zahlreiche Praxisbeispiele aus unterschiedlichen
Branchen zeigen, wie man es macht. Ein Film berichtet z.B. über die Erfahrungen einer Möbelmanufaktur mit lernbehinderten Auszubildenden.
www.inklusion-gelingt.de
Inklusion in IT-Berufen - Potenziale und Perspektiven
Talent plus ist der Name eines Internetportals zu Arbeitsleben und Behinderung. Herausgegeben wird es
von Rehadat, einem Informationssystem des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln e. V. Das Portal
liefert u.a. Informationen zu finanziellen Zuschüssen bei Probearbeit, Ausbildung und Einstellung von
Menschen mit Behinderungen.
www.talentplus.de
Informationsveranstaltung für IT-Unternehmen und-Abteilungen
am 29. Oktober 2014, 13:00 – 17:00 Uhr
Zentrale der Deutschen Telekom AG, Bonn
Anmeldung: Lisa Weinert, E-Mail: [email protected]
Fachkräftesicherung durch Inklusion
Informationsveranstaltung für Unternehmen
am 04. November 2014, 09:00 – 11:30 Uhr
Bildungszentrum der IHK Bonn/Rhein-Sieg
Weitere Infos: www.ihkbonn.de | Webcode: 2442
Susanne Burghardt,
IHK-Inklusionsberaterin
Tel.: 0228 2284-196, E-Mail: [email protected]
Die Wirtschaft Oktober 2014
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